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"Wiener Zeitung": Früher wurden Tote in der Familie aufgebahrt, heute sterben die meisten im Spital, abseits des Alltags. Haben wir den natürlichen Umgang mit dem Tod als Teil des Lebens verlernt?

Günther Loewit: Absolut. Es ist bedenklich, dass Kinder und Jugendliche niemals das Sterben oder einen Toten sehen. Argumentiert wird das immer damit, dass man ihnen das nicht antun möchte. Damit wird schon der Grundstein gelegt, dass Sterben ein Feindbild ist. Ich freue mich nicht aufs Sterben, aber ich weiß, dass es notwendig ist. Wenn alle Menschen so denken, leben sie vielleicht ein bisschen bewusster.

Wie kann man Kinder und Jugendliche an das Thema heranführen?

Ein Unterrichtsfach Lebenskunde wäre überlegenswert. Man muss über das Sterben sprechen und darüber, dass es nicht ungesünder, nicht schmerzhafter und nicht schlechter ist als geboren zu werden. Ich plädiere dafür, dass in der öffentlichen Wahrnehmung ein Gleichgewicht zwischen Geburt und Tod hergestellt wird.

Die Medizin kann immer mehr, das erzeugt Druck auf Ärzte und Patienten. Wie können Ärzte damit umgehen, dass sie nicht immer die Götter in Weiß sind?

Der Erfolgsdruck ist in unserer medizinischen Erziehung grundgelegt. Als ich ein junger Arzt war, war das ganz anders - wir konnten Menschen in Würde sterben lassen und es war weder ethisch noch moralisch bedenklich. Heute wird alles für das Überleben getan, der Tod ist nicht vorgesehen. Es gibt auch einen gesunden Tod am Ende eines gesunden Lebens. Dazu kommt: Wir halten immer nur den Körper am Leben, kümmern uns aber nicht um die Seele. Man sollte überlegen, ob es nicht besser ist, das psychische Leben zu verbessern, auch um den Preis einer Verkürzung des physischen Lebens.

Diese Frage stellt sich auch bei den palliativen Chemotherapien, für die viel Geld ausgegeben wird, die aber das Leben oft nur um wenige Monate und in einer nicht wünschenswerten Lebensqualität verlängern.

Ein Beispiel dazu: Wenn ein Wiederbelebungsversuch, der länger als zehn Minuten dauert, gelingt, sind 99 von 100 Patienten Wachkomapatienten, nur einer hat ein normales Leben. Die Gretchenfrage: Kann man einem ein vernünftiges Leben schenken, dafür, dass 99 ein kaputtes haben?

Aber kann man Leben so gegeneinander aufwiegen?

Würden Sie sagen, 99 Wachkomapatienten sind gut, dafür, dass einer überlebt? Oder sollte man nicht einfach eine Reanimation nach vier oder fünf Minuten abbrechen, wenn man sieht, dass sie erfolglos bleibt? Dann komme ich gar nicht mehr zu dieser Frage. Wir wägen Leben nicht auf, wir führen nur oft völlig unüberlegte Maßnahmen durch, die wir uns oft auch nicht leisten können.

Warum wird so viel in nutzlose kurative Therapien investiert und so wenig in Palliativ-Pflege?

Weil die Medizin das Sterben als ihre große Achillesferse sieht. Mein Aufruf an meine Zunft: Das ist kein Versagen, sondern gehört zum Leben. Deswegen lagern wir das in die Palliativmedizin aus, dann hat der Chirurg keinen Fehler gemacht. Aber jeder Eingriff im Leben ist letztlich palliativ.

Sie schließen sich also nicht der Forderung nach einer eigenen Palliativ-Facharztausbildung an?

Nein. Der Palliativgedanke sollte eine medizinische Grundtugend sein, der bei jedem Schritt mitreflektiert wird.

Welche Möglichkeiten gibt es für die Angehörigenbetreuung?

Ein Appell an die Politik: Stelle man doch endlich wieder genügend Hausärzte mit einer entsprechenden Ausbildung oder mentalen Stärke zur Verfügung, um die Menschen richtig zu begleiten. Lebensbegleitung - dazu gehört die Sterbebegleitung - ist die ureigenste Aufgabe des Hausarztes. Es geht darum, wieder zu lernen, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Und es geht auch darum: Wenn wir wieder erfüllt und glücklich leben, kann man am Schluss leichter sterben.

Wie meinen Sie das?

Ein erfülltes Leben ist eines, das ohne Depression und Burn-out auskommt. Das sind gesellschaftsbedingte psychische Erkrankungen. Jeder vierte Österreicher gibt an, ein Burn-out gehabt zu haben, jeder Zehnte ist offiziell depressiv. Wie aber soll jemand mit dem Sterben zurechtkommen, wenn er schon mit dem Leben nicht zurechtkommt?

Die ÖVP verlangt in der Enquete-Kommission zur Sterbehilfe, die am Mittwoch tagt, die Verankerung der Tötung auf Verlangen in der Verfassung. Was wäre der Nutzen?

Provokant gefragt: Warum haben wir es plötzlich ethisch so notwendig, über das Lebensende zu diskutieren, wo wir mit größter legistischer Elegance 30.000 Abtreibungen pro Jahr legalisiert haben? Ich stehe dem wertfrei gegenüber, ich bin kein Moralist, aber bei 70.000 Lebendgeburten ist das eine extrem hohe Zahl, über die nicht diskutiert wird.

Aber das Thema wurde vor Jahren intensiv durchdiskutiert.

Jetzt spielt es aber keine Rolle mehr. Wir sollten es am Lebensende auch nicht mehr so genau nehmen müssen. Wenn ein Mensch voller Metastasen ist und geistig wach beschließt, in dieser Situation nicht mehr länger leiden zu wollen, sollten wir diesem Gedanken nähertreten. Ich kenne Fälle, wo Patienten mit ärztlicher Hilfe Suizid begangen haben, indem sie die Medikamente gehortet und dann alle auf einmal genommen haben. Das finde ich einwandfrei und von uns Ärzten ziemlich feige, dass wir nicht sagen: Ja, das dürfen Sie machen.