Bemerkenswerte Reden
bei den Feierlichkeiten

Seit diesem Zeitpunkt hat sich nicht nur der Begriff eines Nationalfeiertages, sondern auch die Tatsache, dass Österreich eine selbständige Nation, ein mehrheitlich deutschsprachiges Land mit einer eigenen österreichischen Identität ist, immer mehr durchgesetzt und gefestigt.

Der 100. Geburtstag der Republik wurde daher als Staatsakt in der Staatsoper gefeiert, bei dem die kluge und nachdenkliche Rede von Maja Haderlap - einer Angehörigen der slowenischen Minderheit in Österreich - einen tiefen Eindruck machte.

Schon einige Monate früher - am 4. Mai 2018 - gab es den Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus. Die Rede, die der österreichische Schriftsteller, Michael Köhlmeier aus diesem Anlass hielt, war sehr eindrucksvoll aber erwartungsgemäß nicht unumstritten; die am meisten kritisierten Sätze lauteten: "Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Sondern mit vielen kleinen. Von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan." Und weiter: "Auch früher hat es auf der ganzen Welt schon Menschen gegeben, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben."

Aber Hand aufs Herz: Sind das nicht wahre, ehrliche und notwendige Sätze? Ist es nicht so, dass sich in der Geschichte die großen Übel und Übeltaten oft zunächst nur mit vielen kleinen "gesagten" Einzelschritten herangetastet und herangeschlichen haben, bis schließlich das große Übel unentrinnbar vor uns stand und dann nicht nur "gesagt", sondern auch "getan" wurde? Und auch über gesperrte Fluchtrouten findet man viel Trauriges in der zeitgenössischen Literatur.

Nicht jeder kleine Schritt in eine falsche Richtung führt zu einem großen Übel, aber es muss erlaubt sein und ist sogar notwendig, auch kleine Schritte, die man für falsch oder gefährlich oder unmoralisch hält, zu kritisieren, um einem Übel - wie groß oder klein es sein mag - vorzubeugen.

Demokratie als permanente Herausforderung

Eine in den bisherigen Veranstaltungen zum Republikjubiläum besonders häufig gestellte Frage lautet: "Ist unsere Demokratie stabil - oder gibt es Gründe zur Sorge für die Zukunft unserer Demokratie?" Eine naheliegende, aber sehr schwer zu beantwortende Frage. Meine persönliche Meinung dazu lautet wie folgt:

Die österreichische Demokratie hat eine stabile Entwicklung durch mehr als sieben Jahrzehnte hinter sich. Aber die Demokratie braucht Demokraten, und es ist eine permanente Aufgabe, die heranwachsenden Generationen mit unserer Demokratie vertraut zu machen.