- © WZ/Moritz Ziegler
© WZ/Moritz Ziegler

Beide Elternteile sind bildungsinteressiert. Es ist ihre Überzeugung, dass Bildung eine unverzichtbare Grundlage für ein gelingendes Leben darstellt. Sie wissen, dass eine erfüllende Erwerbsarbeit und eine sinn- und lustvoll verbrachte Freizeit der Gesundheit und der Lebenserwartung zuträglich sind. Daher halten sie auch regelmäßigen Kontakt zu den Lehrern ihres Sohnes. "Ihr Kind ist kein Spitzenschüler, aber es gibt keine Probleme", hören sie. Dann die Schulentscheidung mit neuneinhalb Jahren: "Das Gymnasium wäre nicht ausgeschlossen. Doch für ihren Sohn ist die Neue Mittelschule vermutlich optimaler, denn Handwerksberufe haben gute Chancen am Arbeitsmarkt." Also Neue Mittelschule, regelmäßiger Kontakt der Eltern mit den Lehrpersonen. Und wieder heißt es: "Kein Spitzenschüler, aber kein Anlass zur Sorge." Dann Polytechnischer Lehrgang zwecks Berufsorientierung. Es folgt das - rundum positive - Abschlusszeugnis der Pflichtschule.

Der junge Mann hat mittlerweile konkrete Berufswünsche: Kfz-Mechaniker oder Mechatroniker - immerhin ist er bereits seit der Volksschule eng mit dem Smartphone vertraut und durfte schon mehrfach das Auto seines Onkels lenken. Also Lehrstellensuche: Die Lehrherren werfen nur einen kurzen Blick aufs Pflichtschulzeugnis und unterziehen die jungen Leute einem Test: Lesen, Schreiben, Rechnen, Allgemeinwissen.

Die ersten zehn Firmen entscheiden sich für andere Bewerber. Leider gibt es auch eine Absage von der Wunschfirma. Der Firmenchef erklärt: "Warum unsere Absage? Lieber Bub, du kannst rein gar nichts! Du bist beim Berechnen der Fläche eines einfachen Rechtecks gescheitert, du hast den Text der Rechenaufgabe nicht verstanden, dein Diktat strotzt vor Rechtschreibfehlern, und du hast mehrere der vorgelegten Farben nicht richtig benannt! Ihr Sohn ist von nicht optimalen Lehrpersonen unterrichtet worden - und Sie als Eltern hätten sich zeitgerecht um den Lernfortschritt ihres Sohnes kümmern müssen! Wer sich in der Pflichtschule nicht die Grundkompetenzen angeeignet hat, hat schlichtweg nicht gelernt, zu arbeiten."

Ernst Smole war Berater mehrerer Bildungsminister und koordiniert ein rund 50-köpfiges multidisziplinären Team, das am "Unterrichts:Sozial:Arbeits-und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" arbeitet (www.ifkbw-nhf.at). - © privat
Ernst Smole war Berater mehrerer Bildungsminister und koordiniert ein rund 50-köpfiges multidisziplinären Team, das am "Unterrichts:Sozial:Arbeits-und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" arbeitet (www.ifkbw-nhf.at). - © privat

Dieses traurige Ereignis gibt es Jahr für Jahr vieltausendfach. Die überwiegende Mehrheit der nicht arbeits- und ausbildungsfähigen jungen Menschen blickt auf einen ähnlichen Schulverlauf zurück - zwar ein positives Pflichtschulzeugnis, doch dieses ist durch "Notendumping" geschönt und daher wertlos.