Seit einigen Tagen wird in unterschiedlichsten Medien das Buch "Der Februaraufstand 1934" des Historikers Kurt Bauer diskutiert. Vom Verlag wird es als "umfassendes Überblickswerk auf dem Stand der aktuellen Forschung" promotet, der Autor selbst nennt als seine Intention, "endlich Fakten von Mythen trennen" zu wollen.

Nun ist die wissenschaftliche Aufarbeitung des Februars 1934 und damit dieser für Österreich so einschneidenden Ereignisse nicht nur wünschenswert, sondern geboten. Ob allerdings Bauers Werk diesem Anspruch gerecht wird, muss angezweifelt werden. Denn tatsächlich scheint der Autor mehr an der Etablierung eines neuen Mythos interessiert zu sein: eines Mythos, der der Verharmlosung und Relativierung des Februars 1934 dient.

Doch der Reihe nach: Ein Buch, das sich als wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Ereignissen des 12. Februar 1934 ausgibt, dabei aber der Vorgeschichte nur wenige Seiten widmet, ist an sich schon fragwürdig. Denn ohne die lange Vorgeschichte, die bis in die frühen 1920er Jahre zurückreicht und die Ursache für die zunehmende Radikalisierung bildete, aber auch ohne die Darstellung des internationalen Umfeldes - Stichwort: die massive Einflussnahme Benito Mussolinis auf Engelbert Dollfuß und die Machtübernahme Adolf Hitlers in Deutschland - ist der Bürgerkrieg von 1934 nicht zu verstehen.

Hannes Androsch wurde 1938 in Wien geboren. Er ist Unternehmer und war Steuerberater sowie als SPÖ-Politiker von 1970 bis 1981 österreichischer Finanzminister und zusätzlich von 1976 bis 1981 Vizekanzler unter Bruno Kreisky. - © apa/Hochmuth
Hannes Androsch wurde 1938 in Wien geboren. Er ist Unternehmer und war Steuerberater sowie als SPÖ-Politiker von 1970 bis 1981 österreichischer Finanzminister und zusätzlich von 1976 bis 1981 Vizekanzler unter Bruno Kreisky. - © apa/Hochmuth

Überhaupt ist Kurt Bauer sehr selektiv bei der Auswahl seiner Fakten. Er betont zwar mehrmals, dass von Seite der Sozialdemokraten - namentlich genannt werden Otto Bauer, Käthe Leichter und Richard Bernaschek - die "Diktatur des Proletariats" angestrebt worden sei, übergeht aber völlig den 1926 im "Linzer Parteiprogramm" der SDAP festgelegten Grundsatz, wonach "die sozialdemokratische Arbeiterpartei die Staatsmacht in den Formen der Demokratie und unter allen Bürgschaften der Demokratie ausüben" wollte.

"Defensive Gewalt" zum Wohle der Demokratie

Nur im Falle, dass sich die "Bourgeoisie gegen die gesellschaftliche Umwälzung durch Verschwörung mit ausländischen gegenrevolutionären Mächten widersetzen sollte, wäre die Arbeiterklasse gezwungen, den Widerstand der Bourgeoisie mit den Mitteln der Diktatur zu brechen". Diese Strategie der "defensiven Gewalt" sollte sich keinesfalls gegen die Demokratie richten, sondern vielmehr ihrer Wiedererrichtung dienen.

Auch bei der Interpretation seiner vorgelegten Fakten ist der Autor nicht wirklich konsistent. Denn die Tatsache, dass der Parteivorstand der Sozialdemokraten die Regierung mehrmals warnte, bei Fortdauer der Provokationen keine Garantie dafür übernehmen zu können, dass nicht irgendein Konflikt die "erbitterten Arbeitermassen" in Bewegung setzen könnte, klingt wahrlich nicht so, als hätte die SDAP den Weg in die "Diktatur" gesucht.