Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. Kontakt: gerfried.sperl@gmx.at - © APA
Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. Kontakt: gerfried.sperl@gmx.at - © APA

Der britische Historiker David Starkey, der an der London School of Economics lehrte, hat den Bruch zwischen London und Rom im 16. Jahrhundert als "ersten Brexit" bezeichnet. Jetzt findet der zweite statt - zwischen London und Brüssel. Es wird auch formal und juristisch wieder "die Briten" und "die Europäer" geben.

Sollte die Europäische Union die nächsten Jahrzehnte überstehen, wird die größte Auswirkung des Brexit darin bestehen, dass sich kein anderes Mitglied eine Abspaltung zutraut. Denn neben den wirtschaftlichen Konflikten birgt der Brexit einen Sprengstoff, der vor allem auf dem Kontinent kaum beachtet wird: die Fragen der Leitwerte, der Entscheidungsgewalt und der künftigen Allianzen.

Solange die EU als EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) firmierte, zeichnete die wirtschafts- und geldpolitische Konstellation den Weg vor. Das änderte sich, als soziale Fragen begannen, eine Rolle zu spielen - besonders massiv, als Margaret Thatcher in den 1980er Jahren die Gewerkschaften entmachtete und der bisherige arbeitspolitische Grundkonsens zerfiel.

"Es geht um Identität und
mehr Selbstbestimmung"

Die Kreidefelsen von Dover entfernen sich zwar nicht geografisch, aber wirtschaftlich und politisch vom europäischen Festland. - © CC/Remi Jouan
Die Kreidefelsen von Dover entfernen sich zwar nicht geografisch, aber wirtschaftlich und politisch vom europäischen Festland. - © CC/Remi Jouan

In der "Süddeutschen Zeitung" wurde Ende März die gebürtige Bayerin Gisela Stuart, die 20 Jahre für Labour im Unterhaus saß, gefragt: "Halten Sie den Austritt immer noch für eine gute Idee?" Stuart darauf: "Diese Frage wird mir immer nur aus Deutschland gestellt." Die Deutschen würden die Gründe für den Brexit nicht verstehen: "Sie begreifen nicht, dass es nicht nur um wirtschaftlichen Konsens geht, sondern auch um Identität und mehr Selbstbestimmung."

Tatsächlich fühlten die Briten sich immer schon von den Mächten des Kontinents bevormundet. Man muss nicht ganz zurück bis zu den Römern gehen. Bis heute wirken die Gründung der Anglikanischen Staatskirche und der damit verbundene Bruch mit dem Papst in Rom in den 1520er Jahren unter Heinrich VIII. bis in die Herzen und Seelen nach.

Heinrichs sechs Ehen sind nur die Oberfläche, die Boulevardgeschichte. Dahinter ranken sich Fragen, die bis ins 21. Jahrhundert wichtig geblieben sind. Wer entscheidet in der europäischen Christenheit: der Vatikan, der Gerichtshof für Menschenrechte des Europarats oder der Erzbischof von Canterbury? Wer klärt letztendlich entscheidende rechtliche Fragen: die Häuser des Parlaments in London oder der Europäische Gerichtshof? Das Vereinigte Königreich wird - so sind die jüngsten Beschlüsse zu deuten - von den Volksvertretern regiert, die kontinentalen Staaten immer mehr von den Verfassungsgerichten. Schließlich: Wo ist das Zentrum der Finanzpolitik: in London oder in Frankfurt?