Mit Erschütterung haben Millionen Menschen die Bilder des brennenden Dachs der Pariser Kathedrale Notre-Dame gesehen. In kürzester Zeit waren der jahrhundertealte Dachstuhl abgebrannt und die Türme in den Kirchenraum gestürzt. Große Schäden sind zu beklagen, deren Reparatur Jahre brauchen wird. Obwohl das Feuer sich mit unglaublicher Geschwindigkeit ausbreitete, gelang es der Pariser Feuerwehr, eine noch schlimmere Katastrophe zu verhindern. Laut Experten fehlten 30 Minuten, und das Feuer hätte eine solche Kraft entwickelt, dass es das gesamte Gebäude mit seinen Schätzen vernichten hätte können.

Viel war in den darauffolgenden Stunden und Tagen von der Identität stiftenden Bedeutung dieses mittelalterlichen Baus die Rede. Nicht nur für Frankreich, als dessen historisches Zentrum die Île de la Cité gilt, jene Insel in der Seine, die den historischen Stadtkern ausmacht und auf der auch die Kathedrale steht. Die Solidaritätsbekundungen aus aller Welt hoben hervor, welch wichtiges Symbol diese Kirche für Europa, für dessen Kultur und Geschichte sei. Fast eine Milliarde Euro an Spenden waren wenige Tage nach dem Brand für den Wiederaufbau verfügbar, dazu Angebote aus vielen Ländern, Know-how und Expertise für die Rekonstruktion zur Verfügung zu stellen. Nicht zuletzt aus Wien, wo der Dombaumeister des Stephansdoms, Wolfgang Zehetner (aktuell Vorsitzender der Vereinigung der europäischen Dombaumeister), Bereitschaft bekundet hat, am Prozess der Wiederherstellung mitzuwirken. Es gilt, in nicht allzu ferner Zukunft dem kulturgeschichtlichen Denkmal seinen Glanz zurückzuerstatten.

Klaus Neundlinger ist Philosoph und leitet die Forschung des Institute for Cultural Excellence, das Organisationen bei der Kulturentwicklung begleitet. Er ist Mitglied der Pfarre Hildegard Burjan in Wien. - © privat
Klaus Neundlinger ist Philosoph und leitet die Forschung des Institute for Cultural Excellence, das Organisationen bei der Kulturentwicklung begleitet. Er ist Mitglied der Pfarre Hildegard Burjan in Wien. - © privat

Doch wie ist es um die Bedeutung dieses Sakralbaus tatsächlich bestellt? Diese Frage kann man im Grunde genommen auf alle (historischen und modernen) Kirchenbauten ausweiten, so wie sie letztlich die Kirche als Gemeinschaft der Lebenden und Toten betrifft. Nicht allein, aber vor allem jene heilige katholische Kirche, zu der zumindest diejenigen sich noch bekennen, die einen solchen Bau nicht nur wegen seiner kunsthistorischen Bedeutung besichtigen, sondern als Ort der gemeinschaftlichen Messfeier.

Bedeutungs- und Mitgliederschwund

Wie vielen Glaubensgemeinschaften in der westlichen Welt brennt der katholischen Kirche der Hut, und das weiß man nicht erst seit den Bildern mit dem brennenden Dachstuhl von Notre-Dame. Es ist eine Zeit der Not und Dringlichkeit, die durch den Bedeutungsschwund innerhalb der modernen Gesellschaften und den daraus resultierenden, nicht enden wollenden Mitgliederschwund, durch die Missbrauchsskandale und (nicht zuletzt) durch die Abkehr von der großen Reformbewegung des Zweiten Vatikanischen Konzils gegeben ist. Dabei gestaltet sich die Suche der Menschen nach Sinn und Orientierung heute kaum weniger intensiv als in der Vergangenheit. Viele Personen eint das Bedürfnis, sich Fragen zu stellen, die über die greifbare, verstehbare Wirklichkeit hinausgehen. Sie orientieren sich allerdings nicht mehr an der Kirche (oder den Kirchen), mit der sie oft nur die Selbstherrlichkeit männlicher Amtsträger, die frauenverachtenden Strukturen und das Auseinanderklaffen von Wort und Tat verbinden.