Es gibt Forschung, die ausschließlich dem Erkenntnisgewinn dient. Und es gibt Forschung, die bestimmte gesellschaftliche Ziele im Blick hat. Eine solche Missionsorientierung von Forschung ist nicht neu. Seit einigen Jahren geht es in der Forschung und der Forschungsfinanzierung allerdings zunehmend darum, gesellschaftsrelevante Themen gezielt in klar definierten Forschungsagenden zu bearbeiten. So sollen Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit - wie etwa Klimawandel, Ernährungssicherheit oder eine sich wandelnde demografische Struktur in Europa - gelingen.

Dessen ungeachtet lässt sich eine andere europäische Mission - eigentlich "die Übermission" - ausmachen, wonach es primär darum geht, den europäischen Markt zu entwickeln und den Industriestandort Europa zu stärken. Die Erwartungen, die an die Erfüllung der Missionen geknüpft sind, sind somit zweifach: gesunde Menschen in einer intakten Umwelt, in der die großen Probleme gelöst sind, während (oder gerade weil) die Wirtschaft wächst.

Komplexe Fragen
für die Forschung

Ulrike Bechtold ist promovierte Humanökologin und Mitarbeiterin des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Ihre Forschungsschwerpunkte sind umgebungsgestütztes, aktives Altern (AAL), Partizipation sowie Klimatechnologien. - © Walter Peissl
Ulrike Bechtold ist promovierte Humanökologin und Mitarbeiterin des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Ihre Forschungsschwerpunkte sind umgebungsgestütztes, aktives Altern (AAL), Partizipation sowie Klimatechnologien. - © Walter Peissl

Auf den ersten Blick scheinen all diese Missionen wünschenswert, und ein Beitrag der Forschung zu ihrer Lösung beziehungsweise Erfüllung ist ebenso logisch wie lobenswert. Missionen sind auch nichts grundsätzlich Neues für die Wissenschaft. Aber die Vorgabe von Missionen und deren Wirkung für die Forschungsförderung bedarf einer Bewusstseinsbildung, weil es um komplexe Fragen für die Forschung geht: Inwieweit ist eine ergebnisoffene Grundlagenforschung mit einer missionsorientierten Forschung überhaupt vereinbar? Wo lässt sich die Grenze zwischen missionsorientierter Forschung und konkreter Produktentwicklung ziehen? Und damit verbunden vielleicht sogar die Frage: Wer rettet dann wirklich die Welt?

Missionen sollten aber auch dahingehend überprüft werden, welche Werte und Wertungen sie enthalten. Viele Missionen sind sehr voraussetzungsvoll, und unhinterfragt und alternativlos dargestellt, werden solche Voraussetzungen zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. Betrachten wir etwa den ersten Satz einer Beispielmission, die von Mariana Mazzuccato 2018 formuliert wurde: "Im Jahr 2030 werden 80 Prozent aller europäischen Bürgerinnen und Bürger in Städten leben." So hingeschrieben müssen Leserinnen und Leser davon ausgehen, dass diese prozentuelle Verteilung die Basis sei, auf der Städte und das Land 2030 funktionieren müssen.