Der Staatsvertrag von Saint-Germain hat im österreichischen kollektiven Bewusstsein ein denkbar schlechtes Image: "Wir" haben Südtirol verloren, Österreich wurde ein lebensunfähiger Kleinstaat, die Vertreter unseres Landes wurden gedemütigt. Bei näherem Hinsehen stellt sich die Bedeutung dieses Vertragswerks allerdings auch etwas anders dar.

Zunächst zu den Fakten: Der Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye wird im dortigen Schloss am 10. September 1919 zwischen Österreich und 27 alliierten und assoziierten Staaten unterzeichnet. Signatarstaaten sind Österreich, USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan, die übrigen Vertragsstaaten sind die Mitglieder des neu gegründeten Völkerbundes.

Der österreichischen Delegation hat man den Vertragstext erst am 2. September übergeben, wirkliche Verhandlungen haben schon davor nicht stattgefunden und gibt es auch jetzt nicht. Die Delegation hat mehr oder weniger zur Kenntnis zu nehmen, was man ihr vorlegt, und kann dazu nur schriftliche Korrekturen vorbringen. Diese Delegation ist schon im Mai angereist und steht unter der Leitung Karl Renners. Er ist quasi der "Übergangskanzler" einer Staatsregierung, die erst Staat und Verfassung konsolidieren muss.

Otto Bauer suchte 1919 den Anschluss an Deutschland

Manfred Matzka war Sektionschef der Sektion I im Bundeskanzleramt. Seit Anfang Juni ist er Sonderberater von Kanzlerin Brigitte Bierlein. - © privat
Manfred Matzka war Sektionschef der Sektion I im Bundeskanzleramt. Seit Anfang Juni ist er Sonderberater von Kanzlerin Brigitte Bierlein. - © privat

Renner hat die Verhandlungen übernommen, da er mit seinem Außenstaatssekretär Otto Bauer die Verhandlungspartner nicht provozieren will. Bauer, der überzeugte Sozialdemokrat an der Spitze des Ballhausplatzes, hat alles Menschenmögliche getan, um den neuen Staat nicht als Fortsetzung der alten Monarchie erscheinen zu lassen und Österreichs Verhandlungsposition gegenüber den Entente-Staaten zu konsolidieren. So ließ er schon im November 1918 ein Gutachten erstellen, laut dem Deutschösterreich nicht Rechtsnachfolger der Monarchie ist. Doch die Pariser Friedenskonferenz akzeptiert diese Position nicht. Bauer argumentiert vehement für einen Anschluss an Deutschland, da der neue Kleinstaat ökonomisch nicht lebensfähig sein werde - auch das wird entschieden abgelehnt.

Dennoch ist Bauer im Februar 1919 zu Anschluss-Gesprächen nach Weimar und Berlin gereist - doch dort reagierte sogar die Sozialdemokratie kühl. Der Linke Bauer hält aber mit seiner Überzeugung nicht hinter dem Berg: "Hat der Sieg der Entente-Heere im Herbst 1918 die Revolution entfesselt, so hat der Sieg des Entente-Imperialismus über die Entente-Demokratie auf der Pariser Konferenz von 1919 der Weiterentwicklung der nationalen und sozialen Revolution in Mitteleuropa unverschiebbare Schranken gesetzt und damit die Kraft der Revolution gebrochen, der bürgerlichen Reaktion den Weg gebahnt", hält er rückblickend fest.