Wenn fast alle Wissenschafterinnen und Wissenschafter das Gleiche sagen, ist das nicht zwingend ein Zeichen für Gedankenarmut, wie jüngst Rudolf Bretschneider in einem Gastkommentar zur anthropogenen Erderwärmung vermutet hat. Es kann auch daran liegen, dass die Frage wissenschaftlich geklärt ist. Heute diskutiert auch niemand mehr, ob die Erde flach oder eine Kugel ist.

Helga Kromp-Kolb ist Mitglied des Präsidiums des Forum Wissenschaft und Umwelt, emeritierte Klimawissenschaftlerin an der Universität für Bodenkultur und seit Jahren mit Fragen des Klimawandels und der nachhaltigen Entwicklung befasst. Ihr Buch "Plus zwei Grad. Warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten" (gemeinsam mit Herbert Formayer) ist im Molden Verlag erschienen. - © Wolfgang Gaggl
Helga Kromp-Kolb ist Mitglied des Präsidiums des Forum Wissenschaft und Umwelt, emeritierte Klimawissenschaftlerin an der Universität für Bodenkultur und seit Jahren mit Fragen des Klimawandels und der nachhaltigen Entwicklung befasst. Ihr Buch "Plus zwei Grad. Warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten" (gemeinsam mit Herbert Formayer) ist im Molden Verlag erschienen. - © Wolfgang Gaggl

Möglicherweise war aber der Beitrag gar nicht ernst gemeint? Wie könnte der Autor Gedankenarmut kritisieren und dann selbst ernsthaft längst wissenschaftlich widerlegte Argumente hervorkramen, bravourös vermeintliche Aussagen von Klimawissenschaftern widerlegen, die diese nie gemacht haben, gezielt falsch Verstandenes wieder aufleben lassen und dabei in dem gesamten Kommentar keinen einzigen neuen Gedanken vorbringen? Wo bliebe da der Gedankenreichtum?

Wenn es schon womöglich nicht hilft, Emissionen zu reduzieren, dann schadet es zumindest nichts. - © afp/Ina Fassbender
Wenn es schon womöglich nicht hilft, Emissionen zu reduzieren, dann schadet es zumindest nichts. - © afp/Ina Fassbender

Zugegeben, es gibt noch offene Fragen in der Klimawissenschaft - welche natürlichen Prozesse könnten Menschen schon behaupten, vollständig zu verstehen? Auch lebt Wissenschaft vom Diskurs, sie muss sich also der Kritik stellen, und das tut sie auch. Aber auf die im Beitrag angeführten Fragen gibt es längst abgesicherte Antworten - nachzulesen in Büchern, in IPCC-Berichten und auf zahlreichen seriösen Websites. Wir sollten uns damit nicht mehr aufhalten. Denn eines ist klar: Kein Mensch, auch kein Klimawissenschafter, kann die "Richtigkeit" aller Aspekte der Klimatheorie persönlich überprüfen. Wenn man den Qualitätsprüfungsverfahren des Wissenschaftssystems nicht vertraut und daher zu der Erkenntnis kommt, dass man nicht wissen kann, ob die gängige Klimatheorie richtig oder falsch ist, dann muss man auf andere Weise zu Handlungsentscheidungen kommen.

Ständiges Aufwärmen längst diskutierter Fragen

Jede Risikobetrachtung wird zu dem Schluss führen, dass es vernünftig ist, so zu handeln, als wäre die Klimatheorie richtig, weil die Konsequenzen des Nicht-Handelns - im Fall, dass sie doch stimmt - fatal wären. Erweisen sich die Klimaschutzmaßnahmen als unwirksam, weil der Klimawandel andere Ursachen hat, dann haben sie kaum Schaden angerichtet, aber einigen Nutzen gebracht. Wir wären zum Beispiel weniger abhängig von importierten Energieträgern, das Geld wäre im Land geblieben, die Luftqualität wäre besser, landwirtschaftliche Böden hätten sich erholt und veränderte Ernährung hätte uns gesünder gemacht - Ziele, die auch Herr Bretschneider teilt. Das ständige Aufwärmen längst diskutierter Fragen zum Klimawandel stützt all jene in ihrer Untätigkeit, die entweder aus Bequemlichkeit oder aus kurzfristigen Partikularinteressen nicht handeln wollen. Die Risikobetrachtung zeigt: Das ist gefährlich.