In der Philosophie unterscheidet man zwischen positivem und negativem Dilemma. Das positive führt immer zu einer Lösung, während das negative keine zufriedenstellende Lösung beinhaltet. Unter diesem Aspekt scheint es notwendig, die gegenwärtige Krise jenseits aller Zukunftsszenarien zu betrachten. Fakt ist, dass ein Virus überraschend das Leben von Menschen bedroht. Fakt ist außerdem, dass es weitreichende Folgen für die Bevölkerung und ihre persönliche Situation gibt. Sei es die geschlossene Firma, der Verlust der Arbeit, die Bewältigung der Krankheit, soziale Isolation und vieles mehr.

Wenn nun frei nach Platon die Frage nach dem Weg nach Larissa gestellt wird und man ohne Ortskenntnis den richtigen Weg zufällig errät, dann sieht es aus, als hätte man aufgrund gesicherten Wissens gehandelt. Die Grundfrage der Erkenntnistheorie ist, ob dieses nicht gesicherte Wissen auch eine Art von Erkenntnis und gültig ist. Die Corona-Krise stellt uns vor eine neue Situation. Wir wissen den Weg nicht, und sämtliche Pfade, die wir beschreiten, können zum Ziel oder aber in die Irre führen. Regierungen greifen nicht nur auf Mediziner zurück, sondern auch auf Analysen oft als Orchideenwissenschaften diskreditierter Disziplinen wie der analytischen Philosophie. Letztendlich sind wir alle Teil eines großen Gedankenexperiments, dessen Ausgang die Reduzierung der Ansteckung durch besondere Maßnahmen ist. Dieses Gedankenexperiment lässt sich um die Situation der Menschen nach der Krise erweitern, indem der Aufbau der Wirtschaft und die Wiedereinstellung der vielen Gekündigten mitgedacht werden müssen. Diese Materie ist komplex, und die Politik wird der Philosophie und den den vielen Denkern und Analytikern folgen müssen, um das Richtige zu tun.

Entscheidend ist
das Hier und Jetzt

Thomas Jaretz ist Schulleiter, Buchautor und Philosoph. Er beschäftigt sich mit analytischer Philosophie und Wissenschaftstheorie. - © privat
Thomas Jaretz ist Schulleiter, Buchautor und Philosoph. Er beschäftigt sich mit analytischer Philosophie und Wissenschaftstheorie. - © privat

Wenn nun die Zukunftsforscher unterschiedliche Szenarien entwerfen, darf man aber nicht die nahe Zukunft und den nächsten Tag außer Acht lassen. Schließlich ist das Hier und Jetzt entscheidend, und oft sieht man sich in einem Dilemma, oft in einem negativen. Wenn durch die Corona-Krise etwas Unerwartetes (wie etwa Kündigungen) passiert ist, dann bedingt dies auch eine Reaktion (Sinken der Kaufkraft), die wiederum zu einer Aktion (Förderung der Wirtschaft) führt.

Man kann bei Fortführung dieses Gedankenexperiments Hoffnung und Zuversicht schöpfen, denn auch wir alle sind Teil eines Syllogismus, dessen Konklusion noch nicht abgeleitet wurde. Dieser Schluss muss aber zwangsweise ein guter sein, da jeder für sich ein gutes Ende sucht und daher das positive Dilemma geboten ist: Es ist im Interesse aller, auf allen Wegen Lösungen zu finden. Da braucht es keine formulierten Zukunftsszenarien, denn nur mit der reinen Analyse kann man auch ein gutes Ende prognostizieren. Das bedeutet: Die Hoffnung ist für alle derzeit Verzweifelten mehr als berechtigt.

Wenn man nun nach dem richtigen Weg gefragt wird und ihn nicht weiß? Einfach den Weg zeigen und gehen. Viele wichtigen Dinge sind durch reinen Zufall gefunden worden (Impfungen, Medikamente...), und so werden wir weiterhin Wege gehen müssen, an deren Ende gesichertes Wissen stehen wird. Selbst Irrwege können rückwärts beschritten werden, denn immerhin bringen diese die Erkenntnis mit sich, dass sie nicht der richtige Weg waren.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass es ein positives Zukunftsszenario jenseits aller Spekulationen gibt. Es geht nicht um die Meta-Sicht, wie die Menschheit in den nächsten Jahren nach Corona sich neu definieren wird. Es geht darum, dass für jeden Einzelnen eine Lösung gefunden wird. Diese Lösung ergibt sich, wenn man die Syllogismen weiterdenkt und aus den Prämissen eine Konklusion ableitet. Egal, welche Prämissen angenommen werden, die Konklusion kann zum Wohle aller Menschen angenommen werden.