Derzeit wird viel über die Frage diskutiert, inwiefern Corona zu einer Neuausrichtung der globalen Wertschöpfungsketten führen wird. Kontinentale Wertschöpfungsketten könnten an Bedeutung gewinnen. Die existierenden globalen Wertschöpfungsketten sind auf Effizienz getrimmt, aber auch sehr schockanfällig. Insbesondere die Handelsbeziehungen zwischen asiatischen und amerikanischen Ländern könnten bei einer grundlegenden Umgestaltung der globalen Wertschöpfungsketten auf den Prüfstand kommen. Dafür sprechen die globalen Bemühungen um eine Verringerung der CO2-Emissionen, die Handelsstreitigkeiten und die geopolitische Rivalität zwischen den USA und China. Dies lässt darauf schließen, dass die asiatischen Exporte in amerikanische Länder (3,7 Prozent des Welthandels) beziehungsweise die amerikanischen Exporte nach Asien (6,4 Prozent) im Jahr 2019 jeweils ihre Obergrenze erreicht haben.

Jochen Möbert ist Volkswirt bei Deutsche Bank Research und beschäftigt sich mit den Themen Makroökonomie und Finanzmärkte, Immobilien sowie Kryptowährungen und Blockchain. - © Martin Joppen Photografie GmbH
Jochen Möbert ist Volkswirt bei Deutsche Bank Research und beschäftigt sich mit den Themen Makroökonomie und Finanzmärkte, Immobilien sowie Kryptowährungen und Blockchain. - © Martin Joppen Photografie GmbH

Die meisten bilateralen Handelsströme haben einen sehr geringen Anteil am Gesamthandel; nur einige wenige stechen wegen ihres größeren Gewichts hervor. Das Gewicht wird dabei als Verhältnis zwischen den bilateralen Exporten eines Landes in ein anderes Land (gerechnet in US-Dollar) und dem gesamten Welthandel (ebenfalls in US-Dollar) angegeben. Mehr als 90 Prozent aller globalen Handelsflüsse erfolgten 2019 zwischen 90 Ländern, die rund 8.000 bilaterale Handelsbeziehungen unterhielten. Wenn wir zudem alle bilateralen Handelsbeziehungen mit einem Gewicht von weniger als 0,1 Prozent außer Acht lassen, deckt das auf diese Weise entstehende Netzwerk noch mehr als die Hälfte des gesamten Welthandels ab.

Die fünf Netzwerkgrafiken am Ende des Artikels zeigen, wie ungleich sich der globale Güterhandel verteilt hat.
Die fünf Netzwerkgrafiken am Ende des Artikels zeigen, wie ungleich sich der globale Güterhandel verteilt hat.

China-USA ist die wichtigste bilaterale Handelsbeziehung

Insgesamt hatten die zehn wichtigsten Handelsbeziehungen im Jahr 2019 einen Anteil von 14,4 Prozent am gesamten globalen Güterhandel. Dazu gehören auch zwei transkontinentale Handelsbeziehungen: Chinesische Exporte in die USA stellen - nicht überraschend - die wichtigste bilaterale Handelsbeziehung dar, mit einem Anteil von 2,2 Prozent am gesamten Welthandel. Die zweite transkontinentale Handelsbeziehung in den Top 10 sind Exporte aus Japan in die USA, die mit einem Gewicht von 0,75 Prozent auf Platz 10 lagen. Die restlichen acht der zehn wichtigsten bilateralen Handelsbeziehungen finden sich jeweils auf einem Kontinent, insbesondere in Nordamerika und Asien, etwa zwischen China und Hongkong oder China und Japan. Nur eine europäische Handelsbeziehung ist darunter zu finden: Exporte aus den Niederlanden nach Deutschland.

Im Zentrum des globalen Handelsnetzes 2019 standen zahlreiche G20-Staaten, also vorwiegend Länder aus Asien, Europa und Nordamerika. Intrakontinentale Handelsbeziehungen machten knapp 53,6 Prozent des Welthandels aus, transkontinentale 37 Prozent. Die verbleibenden mehr als 9 Prozent entfallen auf rund 100 weitere, überwiegend sehr kleine Länder, die in dieser Analyse nicht betrachtet werden. Der globale Güterhandel ist ungleich verteilt: Der Anteil des innereuropäischen Handels am Welthandel beläuft sich auf mehr als ein Viertel, jener des inneramerikanischen Handels auf etwa ein Sechstel, während der innerasiatische Handels lediglich ein Zwölftel beträgt.

Die Corona-Krise hat uns eine Lehre erteilt

Die Wertschöpfungsketten sind auf Rentabilität fokussiert und dadurch krisenanfällig für unvor-hergesehene Ereignisse. Im Nachgang der Krise wird manchmal die Auffassung vertreten, die Versorgung mit Gütern, dass die für das reibungslose Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar sind, unter nationaler Kontrolle bleiben müsse und diese Güter daher im jeweiligen Land selbst hergestellt werden sollten. Deshalb könnten die entwickelten Länder nach der Corona-Krise wichtige Produktionslinien (und dies beschränkt sich wohl nicht nur auf die Medizin) wieder zurück ins Land holen oder sie zumindest in den Nachbarländern ansiedeln. Zudem kann man erwarten, dass detaillierte Notfallpläne für die Industrie entwickelt werden, die eine reibungslose Produktion auch im Fall einer Pandemie oder einer anderen globalen Katastrophe sicherstellen, von der zumindest einige wichtige Bereiche oder Regionen der Weltwirtschaft betroffen sind.

Ein kontinentaler Ansatz könnte dabei als Mittelweg zwischen den heutigen, globalen Wertschöpfungsketten und einer vollständigen Repatriierung der Produktionslinien dienen. Dabei würden kontinentale Wertschöpfungsketten und höhere Lagerbestände miteinander kombiniert, um Effizienz und das zuletzt gestiegene Sicherheitsbedürfnis in einen Ausgleich zu bringen. Eine solche Verlagerung der Produktionslinien könnte auch die möglichen wirtschaftlichen Folgen globaler Handelskonflikte verringern und den globalen CO2-Fußabdruck reduzieren. Insofern wurde die Grundlage für kontinentale Wertschöpfungsketten schon vor der Corona-Krise gelegt.

Intrakontinentale Netzwerke weisen drei Ebenen auf

Das europäische, das asiatische und das amerikanische Handelsnetz haben eine Eigenschaft gemeinsam: Sie bestehen jeweils aus drei Ebenen von Ländern beziehungsweise Ländergruppen. Jedes intrakontinentale Handelsnetz hat ein wirtschaftliches Zentrum: Deutschland in Europa, die USA in Amerika und China in Asien. Daneben existiert jeweils eine Gruppe von Ländern, die enge Beziehungen sowohl zum Zentrum als auch untereinander pflegen. Die dritte Ebene besteht aus Peripherieländern mit einem jeweils relativ geringen Gewicht.

In Europa zum Beispiel pflegt Deutschland relativ enge Handelsbeziehungen mit drei Ländergruppen. Die erste besteht aus allen großen Ländern innerhalb (Frankreich, Italien, Spanien) und außerhalb der EU (Großbritannien, Russland und Türkei). Die zweite umfasst kleinere Nachbarländer (Belgien, Niederlande, Österreich und Schweiz) und die dritte die Visegrad-Staaten (Slowakei, Polen, Tschechien und Ungarn), die als Produktionsstandort für das deutsche Verarbeitende Gewerbe stetig an Bedeutung gewinnen. In Asien gehören Australien, Hongkong, Indien, Japan, Singapur, Südkorea, Thailand und Vietnam zur zweiten Ebene; sie pflegen sowohl enge Handelsbeziehungen zu China als auch untereinander. In Amerika gehören Mexiko, Kanada und in gewissem Umfang Brasilien zur zweiten Ländergruppe rund um die USA.

Wenn kontinentale Wertschöpfungsketten tatsächlich an Bedeutung gewinnen, könnten auch diese Handelsbeziehungen künftig wichtiger werden.

Neuausrichtung
der Exporte

Insbesondere die Handelsbeziehungen zwischen den asiatischen und den amerikanischen Ländern könnten bei einer grundlegenden Umgestaltung der globalen Wertschöpfungsketten auf den Prüf-stand kommen. Die gewaltige Entfernung zwischen den beiden Regionen spielt dann eine Rolle, wenn die CO2-Emissionen weltweit ernsthaft verringert werden sollen. Zudem dürfte die geopoli-tische Rivalität zwischen den USA und China ein prägender Faktor für das 21. Jahrhundert sein. In den vergangenen Jahren deutete die restriktivere US-Handelspolitik bereits auf einen Abbau der bilateralen Exportbeziehungen zu China hin. In den vergangenen Wochen hat sich das Klima weiter verschlechtert. Wegen der Pandemie kam es zu Spannungen, es wurde über mögliche neue Verhandlungen über das "Phase-1"-Handelsabkommens spekuliert.

All dies lässt darauf schließen, dass die Handelsbeziehungen zwischen Amerika und Asien - vor allem zwischen den beiden zentralen Staaten - künftig nicht mehr so eng sein werden. Dies könnte sich auch auf die Nachbarländer der USA und Chinas auswirken. So könnte Mexiko ein noch wichtigerer Fertigungsstandort für die USA werden. Auch in Asien könnten sich die herrschenden Trends verstärken, wenn immer mehr Länder ihre Konsumgüter lokal herstellen.