Seit genau einem halben Jahr ist die türkis-grüne Bundesregierung nun im Amt. In ihrer Wählerschaft sehen sich die beiden Koalitionspartner mit großen Unterschieden konfrontiert, nicht nur zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen den Bildungsschichten. Typische ÖVP-Wähler sind älter, haben keine Matura und wohnen nicht in einer der großen Städte. Der typische Grün-Wähler und vor allem die typische Grün-Wählerin ist jung, hat eine hohe formale Bildung und wohnt in Wien oder einer anderen großen Stadt.

Eva Zeglovits ist Politikwissenschafterin und Meinungsforscherin. - © Foto Wilke
Eva Zeglovits ist Politikwissenschafterin und Meinungsforscherin. - © Foto Wilke

Diese Unterschiedlichkeit in den Wählergruppen und ihren thematischen Präferenzen kann eine Chance für die Bundesregierung aus ÖVP und Grünen sein, birgt aber auch ein Risiko. Die Zusammenarbeit genau dieser beiden Parteien könnte die Brücke schlagen zwischen Stadt (Grün) und Land (Türkis), zwischen Männern und ihrer Präferenz für das Thema Migration (das sich in Stimmen für FPÖ und ÖVP ausdrückt) und Frauen und ihrer Präferenz für das Thema Umweltschutz (das eine Erklärung für das gute Ergebnis für die Grünen ist), zwischen älteren (ÖVP-) und jüngeren (Grün-)Wählerinnen und Wählern. Es könnte gelingen, der vermeintlichen oder tatsächlichen Polarisierung Einhalt zu gebieten. Gleichzeitig ist es wahrscheinlich schwierig, hier als Bundesregierung eine Performance zu liefern, die diese unterschiedlichen Wählergruppen gleichermaßen zufriedenstellt. Ein wichtiges Detail dabei ist, dass die Wiener Gemeinderatswahl möglichen Interessensgegensätzen zwischen diesen Wählergruppen eine zusätzliche Dynamik verleihen könnte.

Frauen in großen Städten wählen eher die Grünen, Männer auf dem Land eher die ÖVP. - © WZ-Illustration
Frauen in großen Städten wählen eher die Grünen, Männer auf dem Land eher die ÖVP. - © WZ-Illustration

Bei der Wien-Wahl steht die amtierende rot-grüne Stadtregierung nun nicht mehr einer türkis-blauen Bundesregierung gegenüber, die Inszenierung des Konfliktes Wien versus Bund muss in einer anderen Tonlage ablaufen als bisher. Wichtig dabei ist, dass Wählerinnen und Wähler der Grünen in Wien nun den direkten Vergleich haben zwischen einer rot-grünen und einer türkis-grünen Regierung. Positive und negative Bewertungen der Arbeit der Grünen in der Bundesregierung können sich mehr oder weniger direkt auf die Wahlentscheidung in Wien niederschlagen.

Frauen wählten früher eher Rechts, heute eher Links

Eine Langfassung dieses Textes gemeinsam mit Ko-Autor Stefan Friesenbichler ist im "Jahrbuch für Politik 2019" erschienen (Herausgeber: Andreas Khol, Stefan Karner, Wolfgang Sobotka, Bettina Rausch, Günther Ofner, Dietmar Halper; Böhlau Verlag; 553 Seiten; 47 Euro; www.politische-akademie.at). Der dortige Text kann daher aktuelle Entwicklungen noch nicht abbilden.
Eine Langfassung dieses Textes gemeinsam mit Ko-Autor Stefan Friesenbichler ist im "Jahrbuch für Politik 2019" erschienen (Herausgeber: Andreas Khol, Stefan Karner, Wolfgang Sobotka, Bettina Rausch, Günther Ofner, Dietmar Halper; Böhlau Verlag; 553 Seiten; 47 Euro; www.politische-akademie.at). Der dortige Text kann daher aktuelle Entwicklungen noch nicht abbilden.

In der Erklärung von Wahlverhalten suchen wir gerne die Unterschiede, nicht die Gemeinsamkeiten. Welche Unterschiede bieten sich mit Blick auf die vergangene Nationalratswahl mehr an als jene zwischen Männern und Frauen - in der Legislaturperiode der Regierung Sebastian Kurz I gab es ein Frauenvolksbegehren, das sich mit provokanten Forderungen klar gegen die Frauenpolitik der Bundesregierung stellte und von rund 480.000 Wahlberechtigten unterzeichnet wurde. Und dann wären da noch Kurz und sein Verhältnis zu Wien. Inhaltlich sind sich die Regierung Kurz I und die Stadt Wien während der 18 Monate Türkis-Blau oft genug in die Haare geraten. Da ging es um Stadt versus Land, vielleicht sogar um ein vermeintliches Links versus Rechts. Es ging jedenfalls um politische Provokation, die die Unterschiede zwischen dem türkis-blauen Bund und dem rot-grünen Wien deutlich machen sollten.

In vielen westlichen Demokratien wählten Frauen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eher konservativ. Erst mit den gesellschaftlichen Umwälzungen der späten 1960er und 1970er drehte sich das um: Mit zunehmender Gleichberechtigung, Partizipation am Arbeitsmarkt und geänderten Rollenbildern tendierten Frauen zu liberaleren, progressiveren Ansichten und wählten in einem stärkeren Ausmaß als Männer linke oder liberale Parteien. Eine andere Erklärung ist, dass Frauen wegen der Ungleichverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit stärker vom Wohlfahrtsstaat abhängig sind und daher eher Parteien unterstützen, die sich für einen starken Wohlfahrtsstaat einsetzen. Nicht zuletzt hat der Aufstieg radikal rechter und rechtspopulistischer Parteien, die stärker von Männern als von Frauen gewählt werden, einen Beitrag zum Gender Gap im Wahlverhalten geleistet. Insgesamt wird dem Gender Gap in Österreich weniger Erklärungswert zugeschrieben als anderen Merkmalen, es bleibt recht wenig Erklärungskraft für das Geschlecht übrig, vor allem, wenn man für Werthaltungen oder thematische Präferenzen korrigiert. Das heißt, dass Unterschiede nach Geschlecht vor allem auf Unterschiede in Themenpräferenzen zurückzuführen sind.

Stadt und Land - selten politisch Hand in Hand

Wie wichtig waren nun verschiedene Themen Männern und Frauen im vergangenen Wahlkampf? Der Befund ist einfach: Männern war das Thema Migration wichtiger als Frauen, Frauen wiederum war Klimaschutz wichtiger als Männern. Am Wahlergebnis (um Beispiel in der Wahltagsbefragung von Sora für den ORF) sieht man, dass Frauen in deutlich höherem Ausmaß Grüne und Neos wählten als Männer, diese dafür deutlich häufiger die FPÖ. Die Grünen waren bei Frauen unter 45 Jahren sogar de facto gleich stark wie die ÖVP. Das passt zur unterschiedlichen Themenpräferenz für Klimaschutz beziehungsweise Zuwanderung. Wenige Unterschiede hingegen findet man für die ÖVP und die SPÖ. Der Gender Gap ist bei der Nationalratswahl also vor allem für Grüne, Neos und FPÖ deutlich erkennbar, kaum aber für ÖVP und SPÖ. Um diese Unterschiede erklären zu können, ist zumindest das Alter wesentlich aussagekräftiger als das Geschlecht.

Historisch beschreibt der Zentrum-Peripherie-Gegensatz in der politischen Soziologie unterschiedliche Interessen zwischen dem traditionell und landwirtschaftlich orientierten Land und der progressiv und industriell orientierten Stadt sowie gleichzeitig den Konflikt zwischen der Hauptstadt, also dem Zentrum, wo Politik und Verwaltung angesiedelt sind, und der Peripherie, die weit weg von Entscheidungen ist.

In Österreich manifestierte sich der Stadt-Land-Konflikt seit Beginn des allgemeinen Wahlrechts daran, dass die Städte, insbesondere Wien, in einem stärkeren Ausmaß sozialdemokratisch wählten, und das Land stärker christdemokratisch beziehungsweise ÖVP. Später konnten die Grünen zunächst in Städten überdurchschnittliche Ergebnisse erzielen, später auch in den Speckgürteln der Städte aber auch in nicht urbanen Gegenden in Westösterreich. Die gleichmäßigsten Ergebnisse zwischen Stadt und Land erzielte über viele Jahre die FPÖ. Im Kontrast dazu steht die Bundespräsidentenwahl 2016, wo die Unterschiede zwischen Stadt und Land sehr ausgeprägt waren - FPÖ-Kandidat Norbert Hofer erzielte am Land klare Mehrheiten, während Alexander Van der Bellen, Kandidat mit grünen Wurzeln, seine Mehrheit in den Städten des Landes gewann.

Um den Zentrum-Peripherie-Gegensatz empirisch abzubilden, werden die Wahlergebnisse der vier größten Städte Österreichs - Wien, Graz, Linz und Salzburg - den Ergebnissen des Rests von Österreich gegenübergestellt. Wien wird darüber hinaus extra dargestellt, um dem in der Einleitung beschrieben Konflikt zwischen dem rot-grün regierten Wien und der türkis-blau regierten Bundesregierung Rechnung zu tragen. Etwa 1,6 Millionen Wahlberechtigte leben in den vier großen Städten, die meisten davon (1,15 Millionen) in Wien. Etwas weniger als ein Viertel aller abgegeben Stimmen (1,1 Millionen von 4,8 Millionen) kommen also aus einer der vier größten Städte in Österreich. Dieses Viertel zeigte ein deutlich anderes Ergebnis der Nationalratswahl 2019 als der Rest von Österreich.

Zwei- beziehungsweise Dreikampf um Platz eins

Sieht man sich die vier Städte alleine an, gibt es konträr zum Gesamtergebnis einen Zwei- beziehungsweise Dreikampf um Platz eins zwischen der ÖVP, der SPÖ und den Grünen. Vor allem die Grünen, aber auch die SPÖ ziehen ihre Stärke aus den Städten. Die Grünen kommen in den großen Städten auf insgesamt 21 Prozent, außerhalb davon lediglich auf 12 Prozent. Noch deutlicher fällt der Unterschied für die ÖVP aus: Während sie in den vier größten Städten 26 Prozent der gültigen Stimmen erzielt, sind es außerhalb davon 41 Prozent, das sind 15 Prozentpunkte Unterschied. Ohne Wien, Graz, Linz und Salzburg hat die ÖVP mehr als doppelt so viele Stimmen wie die nächstgrößere Partei.

Die Neos hingegen kommen in den Städten auf 10 Prozent der Stimmen, außerhalb davon auf 8 Prozent - der Unterschied hält sich in Grenzen. Auch die Sicht, dass die Neos eine städtische Erscheinung sind, zeigt das Wahlergebnis nicht. Hier besteht ein geringerer Unterschied, als die meisten erwarten würden. Deutlichere Unterschiede gibt es hier etwa zwischen Vorarlberg (wo die Neos fast 14 Prozent erreichen) und dem Burgenland, wo sie knapp unter der 5-Prozent-Marke bleiben). Im Zeitvergleich zur Nationalratswahl 2017 kann man festhalten: Wenn die Wahl für die ÖVP im ländlichen Raum gewonnen wurde, so haben die Grünen die Städte erobert. Neben dem enormen Zuwachs in der Stadt konnten die Grünen allerdings auch auf dem Land mit einem stattlichen Zugewinn überraschen.