Vor ziemlich genau 25 Jahren leitete ich, in meiner damaligen Funktion als Vizepräsidentin der Frauen-Status-Kommission der Vereinten Nationen, die letzte Vorbereitungssitzung in New York für die Vierte Weltfrauenkonferenz im September 1995 in Peking. Unsere Aufgabe war, uns im Konsens auf möglichst viele Formulierungen für das Aktionsprogramm, das in Peking angenommen werden sollte, zu einigen.

Irene Giner-Reichl war bis Juli 2017 Österreichs Botschafterin in Peking und ist seither Botschafterin in Brasilien und Surinam. - © privat
Irene Giner-Reichl war bis Juli 2017 Österreichs Botschafterin in Peking und ist seither Botschafterin in Brasilien und Surinam. - © privat

Die Verhandlungen waren zäh. Die Gräben zwischen den Positionen von Ländern, die - gestützt auf die Universalität der Menschenrechte - deutliche Fortschritte in Richtung Gleichberechtigung von Frauen und Männern erzielen wollten, und jenen, die an traditionellen Werten hingen, die das Patriarchat begünstigen, waren tief. Die Agenda mancher Delegationen des globalen Nordens betonte fast exklusiv sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung für Frauen; viele Delegationen des globalen Südens verwiesen auf den massiven Nachholbedarf der Frauen in Entwicklungsländern hinsichtlich Zugang zu Kapital und elterlichem Erbe, gleicher Rechte vor Gericht, Verfügbarkeit von Gesundheitsdiensten, Schutz vor physischer Gewalt, Ernährungssicherheit und Teilhabe an den politischen Prozessen ihres jeweiligen Landes. Es galt - und gelang häufig - Brücken zu finden, um die unterschiedlichen Anliegen zu verbinden und einen ausgewogenen Text zu erarbeiten.

Die Beteiligung von Frauen an der Energiewende sollte nicht nur aktionistisch sein wie hier, sondern auf breiter Basis erfolgen. - © apa/Schlager
Die Beteiligung von Frauen an der Energiewende sollte nicht nur aktionistisch sein wie hier, sondern auf breiter Basis erfolgen. - © apa/Schlager

Und dann versuchte eine kleine ideologische Allianz von Delegationen aus verschiedenen Weltgegenden noch in der allerletzten Sitzung, das Wort "Gender" - das im Entwurf der Pekinger Aktionsplattform hunderte Male vorkommt - streichen zu lassen, weil sie nicht wüssten, was das Wort bedeute. Dass ich als Vorsitzende in der Lage war, mit einer prozeduralen Entscheidung diesen Antrag abzuwehren und somit gewissermaßen das "Überleben" von "Gender" in der Aktionsplattform von Peking sicherstellte, daran erinnere ich mich mit Freude und einem gewissen Stolz. (Dass das Wort - und, was noch schlimmer ist - auch das Konzept, dass die Erwartungen, die an Frauen und Männer gestellt werden, gesellschaftliche Konstrukte sind, die sich weiterentwickeln und somit auch gerechter werden können, bis heute in manchen Administrationen "verbum non gratum" ist, stimmt traurig).

Wirtschaftliche Gender-Parität laut Davos erst in 257 Jahren

Von der Umsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern ("Gender Equality") sind wir freilich immer noch weit entfernt. Hier nur ein paar Beispiele aus einem soeben veröffentlichten Bericht von UN Women:

Frauen haben nur einen von vier Sitzen in nationalen Parlamenten beziehungsweise einen von vier Schreibtischen auf der Managementebene in Firmen inne.

Frauen leisten pro Tag durchschnittlich 4,1 Stunden unbezahlte Arbeit in Haushalt und Familie (Männer: 1,7 Stunden).

31 Prozent der jungen Frauen (15 bis 24 Jahre) waren 2019 in keiner Schule, Ausbildung oder Anstellung (der Prozentsatz ist doppelt so hoch wie der für junge Männer).

190 Millionen Frauen (15 bis 49 Jahre), die 2019 eine Schwangerschaft vermeiden wollten, hatten keinen Zugang zu Methoden der Familienplanung.

Mit 211 Todesfällen auf 100.000 Lebendgeburten ist die globale Müttersterblichkeit noch immer unannehmbar hoch (in Österreich kommen 4 Todesfälle auf 100.000 Geburten).

Um die Situation zu verbessern, empfiehlt UN Women vier Aktionsstränge:

Frauenbewegungen und Leadership von Frauen unterstützen.

Technologische Neuerungen für Gender-Gerechtigkeit nutzen.

Niemanden zurücklassen.

Politische Verpflichtungserklärungen finanziell unterfüttern.

Wenn laufende Trends nur fortgeschrieben werden, kalkuliert das Weltwirtschaftsforum in Davos, dass es noch hundert(e) Jahre brauchen wird, bevor weltweit Gender-Parität erzielt ist. Besonders schlimm schaut es mit dem Zugang für Frauen zur wirtschaftlichen Teilhabe aus: Laut Davos ist wirtschaftliche Gender-Parität noch 257 Jahre entfernt. Und das, obwohl mittlerweile allgemein anerkannt ist, dass die Partizipation von Frauen in der Wirtschaft gut für Betriebe, Volkswirtschaften und die Gesellschaften insgesamt ist, wie es der Gender-Gap-Bericht erneut ausdrücklich unterstreicht: "Gender-Parität hat grundlegende Auswirkung darauf, ob Volkswirtschaften und Gesellschaften sich gut entwickeln oder nicht. Es ist bedeutsam für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit von Wirtschaften und Betrieben auf der ganzen Welt, dass die Begabungen einer Hälfte der Menschheit entwickelt und eingesetzt werden."

Neue Jobs und Berufsfelder
für Frauen eröffnen

In einem Gastkommentar in der "Wiener Zeitung" zum Weltfrauentag hat UNO-Generalsekretär António Guterres darauf hingewiesen, dass auch Klimapolitik Gender-Implikationen hat. Das Globale Frauennetzwerk für die Energiewende (Global Women’s Network for the Energy Transition - GWNET, eine internationale NGO, deren Pro-Bono-Präsidentin ich bin) beschäftigt sich mit der anderen Seite der Medaille des Klimaschutzes, mit Politik und Praxis bei Energiewenden. Eine Studie, die wir in Auftrag gegeben haben und die auf unserer Website www.globalwomennet.org zu finden ist, zeigt: Frauen sind auch bei Energiewenden unterrepräsentiert.

Derzeit sind im allerbesten Fall 30 Prozent der global 11 Millionen im Bereich nachhaltige Energie Beschäftigten Frauen; und wesentlich weniger, wenn es um Mint-Jobs oder leitende Funktionen geht. Bis 2050 soll das Feld der nachhaltigen Energie bis zu 42 Millionen Menschen beschäftigen - die Hälfte davon sollten Frauen sein. Dazu ist es nötig, dass Strategien zur Umsetzung von Energiewenden auch bessere Chancen für die Mitwirkung von Frauen beinhalten, was leider derzeit kaum der Fall ist.

Nachhaltige Energie ist ein relativ neues und expansives Arbeitsfeld, das eine besonders breite Palette von Talenten braucht und nachfragt; neue Technologien beseitigen außerdem die Barrieren, die auf (männliche) Körperkraft und Ähnliches abstellen, weitgehend, sodass sich für Frauen viele neue Berufswege eröffnen. Unsere Studie enthält eine Fülle von Beispielen verschiedenster Strategien, die bereits von Firmen, Organisationen und Verwaltungen mit Erfolg angewendet werden, um Vielfalt in der Arbeitnehmerschaft zu erhöhen und Frauen zu fördern: Ruanda etwa, das Mindestquoten für Gender-Parität bei allen Entscheidungsgremien in der Verfassung verankert hat; Itaipu Binacional, das Riesenkraftwerk nahe den Iguazu-Wasserfällen in Brasilien, das aufgrund gezielter Programme über neun Jahre den Frauenanteil im Management von 10 auf 21 Prozent erhöht hat; oder Wind Denmark, das noch bessere Möglichkeiten für Elternkarenz bietet, als sie die dänischen Gesetze ohnehin schon vorsehen. Die Nachahmung kann nur empfohlen werden.

Energie-Wenden sind viel mehr als das Ersetzen eines (fossilen) Brennstoffes durch einen (erneuerbaren) anderen. Sie lösen tiefgreifende gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse aus. Um diese Transformationsprozesse rasch, effektiv und sozial gerecht abzuwickeln, ist es notwendig, dass Frauen gleichberechtigt mit Männern an der Energiewende mitarbeiten können. Wie eine von GWNET initiierte und geleitete digitale "Women in Energy Expert Platform" (www.globalwomennet.work) zeigt, gibt es viele und hervorragend qualifizierte Frauen, die dies wollen.