Bei den Covid-19-Events in Berlin, Wien und anderswo formiert sich eine illustre Gesellschaft: Posterboys der Rechten und auch ein paar Linke, Antisemiten und Antideutsche, Erdogan-Gläubige und Esoteriker, kampfgestählte Muskelprotze in Kampfuniformen und schmächtige Jünglinge mit Salafistenbärten. Auch Burschenschafter sollen gesichtet worden sein, respektive die Mitglieder von Bruder- und Schwesternschaften.

Auf den Videos, die in den digitalen Netzwerken herumgereicht werden, hört man "Sieg oder Sarg"-Schreie, sieht tätowierte SS-Slogans, auch eine "Division Odin" (sie verkauft online einschlägige T-Shirts). Es tummeln sich Betende mehrerer Religionen, Hare-Krishna-Jünger und -Jüngerinnen, die das Virus durch Liebe bekämpfen wollen, sogenannte Querdenker und offenbar Gar-nicht-Denker. Mit Hokuspokus, der an schamanische Rituale angelehnt ist, sollen Denkmäler "von dunkler Energie befreit" werden.

Auch wenn so ein hybrider Haufen beim ersten Anblick eher lachhaft als wehrhaft wirkt und man sich beim Betrachten mancher Videos fragt, ob das noch ernst gemeint ist oder bereits Kabarett, stecken doch hinter den skurrilen bis grotesken Auftritten ernste - und zweifellos ganz unterschiedliche - Anliegen. Die merkwürdigen Allianzen funktionieren nach dem erprobten Prinzip: "Der Feind meines Feindes ist mein Freund."

Unzufriedenheit mit bestehenden Verhältnissen

Klimaleugner, Fantasieuniformträger, Trump-Adepten, Rapper, militante Veganer und ihresgleichen haben neben dieser einen Identität auch noch diverse andere Teilidentitäten, sie sind auch Väter und Mütter, Gewerbetreibende, Angestellte, Konsumenten, Stadtbewohner, Autofahrerinnen und so fort. Ziemlich sicher befinden sich etliche unter ihnen, die sich durch die Seuchenbekämpfungsmaßnahmen ihrer Regierungen in ihrer Existenz bedroht fühlen. Welche Partei oder Institution nimmt ihre Sorgen ernst?

Ingrid Thurner ist Kultur- und Sozialanthropologin und Publizistin im Bereich Wissenschaftskommunikation. Im Herbst erscheint ihr Buch "Anderssein und Andersmachen. Über Diversitäten, Diskriminierungen und Dummheiten" in der Edition Pen im Löcker Verlag.
Ingrid Thurner ist Kultur- und Sozialanthropologin und Publizistin im Bereich Wissenschaftskommunikation. Im Herbst erscheint ihr Buch "Anderssein und Andersmachen. Über Diversitäten, Diskriminierungen und Dummheiten" in der Edition Pen im Löcker Verlag.

Und dann gibt es bei diesen Demos auch noch gar nicht so wenige ganz normal aussehende Leute in Jeans und T-Shirt, die nicht gröhlen und wegen ihrer Unauffälligkeit in der Masse unterzugehen drohen. Wer kümmert sich um diese? Nur weil man sein Unbehagen gegenüber einer befürchteten Corona-Diktatur in die Öffentlichkeit trägt, ist man noch kein Verschwörungsneurotiker. All diese Menschen bekunden durch ihre Anwesenheit auf der Straße eine Unzufriedenheit mit bestehenden Verhältnissen - und dies zu Beginn einer Wirtschaftskrise, deren künftiges Ausmaß man sich gar nicht ausmalen möchte.

Anders als Menschen werden sich Viren nicht einschüchtern lassen durch regelmäßig ausgestrahlte Angstpornos, Strafandrohungen und teure Social-Media-Kampagnen der Regierungsparteien. Es wird also der Kooperation einer Bevölkerung bedürfen, die die Maßnahmen mitträgt. Deswegen wird sich jemand ihrer Befindlichkeiten annehmen müssen, bevor die Proteste eskalieren - für den Herbst sind weitere Demonstrationen angekündigt. Derzeit überlassen Konservative, Liberale und Linke die Straße Rechtsdemagogen und Spinnern, in Deutschland wie in Österreich.