Es sind nun fast sieben Monate vergangen, seit wir mit einer "neuen Realität" leben müssen. Alle Menschen weltweit, ja auch wir in Österreich - und damit auch die Kirche - hat die Corona-Krise vor neue Herausforderungen gestellt beziehungsweise in eine Art Schule geschickt. Am Anfang kam alles eher plötzlich, wir konnten keine öffentlichen Gottesdienste mehr halten, als Franziskaner wurden wir von apostolischen Ordensleuten zu Mönchen, die plötzlich eine richtige Klausur hatten und ihr Kloster kaum noch verlassen konnten. So ging es allen Menschen, viele litten gerade unter dem Verlust sozialer Kontakte, religiösen Menschen - nicht nur Christen - fehlte ihre gewohnte Gemeinschaft des Gebetes. Auf den ersten Blick eine Katastrophe, für mich als Franziskaner, der ich aus der christlichen Hoffnung lebe, jedoch eine Herausforderung, mich der neuen Situation zu stellen.

Manuel Sandesh ist Franziskanerpater in Wien. - © www.franziskus.wien
Manuel Sandesh ist Franziskanerpater in Wien. - © www.franziskus.wien

Was bedeutet das alles für die Kirche? Wir sind gewohnt, dass Menschen zu uns in die Kirche kommen, und sie sind ein religiöses Angebot gewohnt. Plötzlich jedoch gab es Gottesdienste und Heilige Messen via Internet, Radio, TV, auch meine Mitbrüder und ich betrieben im kleinen Rahmen Seelsorge auf diese Art und Weise, segneten Menschen, beteten mit ihnen, begleiteten sogar Kranke und Sterbende. Die Kirche war plötzlich ganz neu präsent, viele waren dankbar für die neuen Angebote, andere sahen es kritisch. Ich denke, auch wenn vieles nicht ideal war, so ist es doch besser, etwas zu tun, als gar nichts.

Was lernen wir aus all dem? Der fromme Wunsch so mancher, dass Corona letztlich die Welt verbessert, wird sich wohl nicht erfüllen, aber gerade die Kirche sollte den Menschen neue Wege zeigen. Gemeinschaft der Glaubenden beschränken sich nicht auf die Messe am Sonntag und schon gar nicht auf ein Gebäude, das wir Kirche nennen. Die Kirche muss lebendig sein, kreativ, vielseitig. Sie muss zu den Menschen kommen, auch und gerade durch die neuen Kommunikationsmittel. Sie muss wieder neu entdeckt und gelebt werden, etwa als Hauskirche in den Familien. Die Kirche muss die Jugendlichen erreichen.

Corona hat uns gezeigt, dass viele Menschen Sehnsüchte und Hoffnungen haben. Normalerweise kommen diese Menschen nicht automatisch zu uns, während der Krise waren die Online-Gottesdienste jedoch besucht wie selten eine Kirche in "normalen" Zeiten. Als Kirche sollten wir, wieder halbwegs in der "alten Realität" angekommen, nicht vergessen, was uns die "neue Realität" gelehrt hat: nämlich beweglich zu sein, zu den Menschen zu gehen, ohne sich vor neuen Wegen zu fürchten, vor allem Junge auf ihrer Ebene und mit ihrer Sprache anzusprechen, damit die Kirche das bleibt, was sie eigentlich sein sollte: ein lebendiger Leib aus vielen Gliedern.

Ich als Pater war plötzlich gefragt und wurde auch von Menschen gebraucht, die sonst nicht in die Kirche kommen. So ging es wohl vielen Priestern und Ordensleuten. Vergessen wir diese Menschen jetzt nicht, halten wir die Türen für sie offen, haben wir den Mut, aus gewohnten Sicherheiten herauszugehen, um die zu treffen und zu finden, die in einer Zeit immer größerer Unsicherheit nach einer neuen Sicherheit suchen.