Zwei Botschaften schickte Bundeskanzler Sebastian Kurz in den Wochen nach dem Lockdown in regelmäßigen Abständen an die Bevölkerung: Österreich sei bisher besser als andere Länder durch die Corona-Krise gekommen. Und: Wir müssten uns weiter fürchten, aber nicht mehr lange, denn die Impfung gegen Sars-CoV-2 sei quasi in greifbarer Nähe. Ging es ursprünglich darum, die Kurve der Neuinfektionen abzuflachen, ein exponentielles Ansteigen der Infektionszahlen und damit eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, war die weitere Vorgangsweise nach Erreichen dieses Ziels - ja, was? Die Zahlen blieben niedrig, die für die Virusträger bereitgehaltenen Krankenhausbetten leer, Menschen mit anderen Krankheiten als Covid-19 trauten sich nicht in Ordinationen und Spitäler, weil ihnen eingetrichtert worden war, nur im äußersten Notfall medizinische Hilfe zu suchen.

Elisabeth Tschachler ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Das österreichische Gesundheitswesen". - © Inge Prader
Elisabeth Tschachler ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Das österreichische Gesundheitswesen". - © Inge Prader

Im Sommer geschah nicht viel, obwohl zahlreiche Pressekonferenzen anderes suggerierten. Der Gesundheitsminister sprach gern von "entscheidenden Phasen", sein Ministerium produzierte Verordnungen und Erlässe im Wochentakt. Der ursprüngliche Hang zu autoritärem Gehabe ergab, gepaart mit fehlerstrotzenden, verfassungswidrigen und unpräzisen Rechtsnormen, eine nicht gerade vertrauensbildende Mischung. Maßnahmen wie Mund-Nasen-Schutz wurden gelockert und wieder eingeführt. Und so oszillieren die öffentliche Wahrnehmung und Stimmung zwischen Beunruhigung wegen steigender Infektionszahlen samt möglichem zweiten Lockdown und Ärger über Hü-hott-Anweisungen und permanente Angstmache.

"Testen, testen, testen"

Die Bundesregierung sorgte für Verwirrung in der Bevölkerung. - © apa/Fohringer
Die Bundesregierung sorgte für Verwirrung in der Bevölkerung. - © apa/Fohringer

Dass Virusepidemien, die Atemwegserkrankungen verursachen, in Wellen verlaufen, war wohl nicht nur dem Ages-Infektiologen Franz Allerberger klar. Ende Juli wurde im Ministerrat der "Aktionsplan gegen eine zweite Covid-19-Welle" abgesegnet: Die mittlerweile ad absurdum geführte Corona-Ampel, eine Art Allround-Lösung in Sachen Monitoring des Infektionsgeschehens und Entwicklung regional passgenauer Maßnahmen (inklusive neuer Kommission), sowie "Testen, testen, testen" sollten die weitere Marschrichtung vorgeben.

Gemeinsam mit Kurt Langbein hat Elisabeth Tschachler das soeben erschienene Buch "Das Virus in uns - Motor der Evolution" geschrieben (Molden Verlag; 224 Seiten; 24 Euro).
Gemeinsam mit Kurt Langbein hat Elisabeth Tschachler das soeben erschienene Buch "Das Virus in uns - Motor der Evolution" geschrieben (Molden Verlag; 224 Seiten; 24 Euro).

PCR-Tests, die in einer Speichelprobe nach einem für das Virus spezifischen Genabschnitt suchen, sind, wie alle Testverfahren in der Medizin, nicht zu 100 Prozent verlässlich, es gibt auch falsch positive und falsch negative Ergebnisse, mit allen Folgen für die Betroffenen. Im ersten Fall müssen Personen ohne Not in Quarantäne und fehlen am Arbeitsplatz, im zweiten Fall stecken sie womöglich im guten Glauben, nicht infiziert zu sein, weitere an. Der deutsche Verband Akkreditierte Labore in der Medizin riet deshalb bereits Anfang Juli von flächendeckenden Bevölkerungstests ab. Sie seien "weder medizinisch angemessen noch epidemiologisch effektiv, sondern letztlich eine nicht notwendige Verschwendung von Finanzmitteln".

"Testen ohne begründeten Verdacht erhöht die Anzahl falsch-positiver Ergebnisse und belastet die vorhandene Testkapazität", heißt es auch in der "Österreichischen Teststrategie" von Mitte August, die ansonsten weniger eine Strategie darstellt als vielmehr ein Abbild der Realität. Denn bestimmte der "Aktionsplan" zwei Wochen zuvor noch, dass Tests binnen 24 Stunden erfolgen sollten und das Ergebnis binnen weiterer 24 Stunden vorliegen sollte, ist in der "Teststrategie" bloß von einer "raschen Testung mit zeitnaher Ergebnisübermittlung" die Rede. Doch "rasch" und "zeitnah" sind in Österreich dehnbare Begriffe. Das reicht von der Warteschleife beim Gesundheitstelefon 1450 bis zur Auswertung der Tests. Zuletzt machte ein Bonmot die Runde, wonach der behördliche Absonderungsbescheid - also die Verfügung der Quarantäne einer positiv getesteten Person - per Post zu einem Zeitpunkt zugestellt werde, wenn die vorgeschriebene Isolierungszeit bereits verstrichen sei. Über steigende Infektionszahlen muss man sich dann nicht mehr wundern.

Professionelles Tracing

Dass das Testen allein - vor allem, wenn es nicht schnell erfolgt -, nicht viel bringt, zeigt das Beispiel Israel. Im Frühjahr Anti-Corona-Musterschüler und nachahmenswertes Beispiel für autoritäre Viruseindämmung für Kanzler Kurz, wurden dort bei einer kaum höheren Einwohnerzahl als in Österreich zuletzt doppelt so viele Tests durchgeführt und entsprechend mehr Infizierte gefunden. Aber ohne gezielte Maßnahmen, die Weiterverbreitung des Virus zu stoppen, geraten manche Spitäler Israels bei der Behandlung der Kranken bereits an die Grenzen ihrer Ressourcen. In ihrer Hilflosigkeit sperrte die Regierung die Bevölkerung neuerlich für drei Wochen ein.

Für das Beherrschen von Infektionsketten bedarf es nach der Testung eines professionellen und schnellen Kontaktpersonenmanagements. Südkorea machte es vor: Bei 51 Millionen Einwohnern sind ganz ohne Lockdown die Infektionszahlen immer noch geringer als in Österreich, das nur etwas mehr als ein Sechstel der Bevölkerungszahl hat. Wie wichtig Contact Tracing ist und dass es binnen 24 Stunden zu erfolgen hat, steht schon im Erlass des Gesundheitsministers vom 20. Mai. Doch inzwischen wurde das ursprünglich ehrgeizige Ziel auf 48 Stunden erweitert. Und auch das ist derzeit eine vielerorts nicht zu erfüllende Vorgabe, um nicht zu sagen: Die Bezirksverwaltungsbehörden und eben die koordinierende Hotline 1450 sind, zumal in Wien, heillos überfordert.

Unmündige Depperln

Schon im April veröffentlichte die europäische Seuchenbehörde ECDC ein Papier, das haarklein den Zeitaufwand und die nötigen personellen Ressourcen für erfolgreiches Kontaktpersonenmanagement beschrieben hat. Steigen die Infektionszahlen über ein gewisses Maß, ist eine Nachverfolgung der Kontaktpersonen selbst mit einem Heer von Tracern kaum noch zu schaffen. Die WHO hat Anfang Mai ein eigenes Tool entwickelt, um die Zahl der Personen zu ermitteln, die es für ein schnelles Nachverfolgen von Kontakten braucht: 1.300 wären das in ganz Österreich, mehr als die Hälfte davon in Wien, wo derzeit - trotz vieler Menschen auf Arbeitssuche - nur rund 350 zur Verfügung stehen. Erst als die Zahlen der positiv Getesteten rasch stiegen, kündigte Bürgermeister Michael Ludwig eine Aufstockung des Personals an.

Anstatt Verwirrung mit vierfärbigen Ampeln zu stiften und die Bevölkerung zeitweise wie unmündige Depperln zu behandeln, braucht es zur Einhegung des Virus wahrscheinlich nichts anderes als glaubwürdige Experten, wenig politische Einmischung und einen Weg, der konsequent gegangen wird. In Schweden wird auf die Disziplin der Menschen vertraut, und für die Information ihrer Kontaktpersonen sind die positiv Getesteten selbst verantwortlich. Glaubt man den amtlichen Informationen, bewegen sich dort die Zahlen der Neuinfizierten ohne Aufwärtstrend seit Wochen um die 300 pro Tag. Auch die Sterbezahlen, anfänglich exorbitant hoch und Anlass für berechtigte Kritik, sind jetzt gering.