Weil das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der weltweit notierenden Aktien auf einem historischen Höchststand liegt, kommt es derzeit in Finanzkreisen und bei Anlegern bisweilen zu bangen Überlegungen, ob Aktien zu teuer geworden seien. Berücksichtigt man jedoch das Umfeld wie etwa das Zinsniveau und andere Anlageklassen wie Immobilien, erweist sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis rasch als der Situation angepasst.

Alexander Eberan leitet das Private Banking Wien bei der Steiermärkischen Sparkasse. - © Steiermärkische Sparkasse/Thomas Raggam
Alexander Eberan leitet das Private Banking Wien bei der Steiermärkischen Sparkasse. - © Steiermärkische Sparkasse/Thomas Raggam

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hatte zunächst verheerende Auswirkungen auf die Börsen. Die Aktienkurse erholten sich allerdings schnell, besonders nach dem Bekanntwerden wirksamer Impfstoffe. Anders als in früheren Krisen war das Tempo der Erholung beispiellos. Im November bescherte die Ankündigung von Impfstoffen dem internationalen Aktienmarkt die größte Wertsteigerung in einem Monat seit mehr als 15 Jahren. Mit der Kursentwicklung hielten die Gewinne der Unternehmen aber nicht Schritt. Die Auswirkungen: Die im weltweiten Aktienindex MSCI World gelisteten Unternehmen haben aktuell ein auf den ersten Blick teures Kurs-Gewinn-Verhältnis von zirka 33. Der Durchschnitt über die vergangenen zehn Jahre lag bei knapp 19.

Obwohl der Blick auf die Historie tatsächlich den Schluss einer Überbewertung nahelegt, hinkt dieser Vergleich. Betrachtet man die Ertragssituation am Anleihenmarkt vor zehn Jahren, konnten die Zeiten damals durchaus als rosig bezeichnet werden. So betrug 2010 die Rendite einer österreichischen Bundesanleihe mit fünfjähriger Laufzeit knapp 2,7 Prozent jährlich; heute sind es minus 0,70 Prozent per anno. Auf die Finanzkrise hatten die Notenbanken mit einem expansiven geldpolitischen Kurs geantwortet. Das Resultat sind die bekannt niedrigen bis sogar negativen Zinsen für Anleihen und Sparbücher. Die Rolle des Ertragsbringers nehmen daher seit einigen Jahren mehr und mehr Aktien ein. Diese Entwicklung dürfte sich infolge noch länger zu erwartender negativer (Real-)Zinsen fortsetzen. In diesem Umfeld sollte es also keine Frage der Bewertung sein, ob sich der Ein- oder Umstieg in Aktien noch lohnt.

Auch gegenüber anderen Anlageklassen relativiert sich das Bewertungsthema von Aktien eher rasch. Niedrige Zinsen sorgten gepaart mit günstigen Finanzierungsbedingungen in den vergangenen Jahren für einen regelrechten Boom auf dem Immobilienmarkt. Doch das Betongold ist "teurer" als Aktien: Laut Immobilienpreisspiegel von Dezember beträgt der durchschnittliche Quadratmeterpreis für eine Eigentumswohnung im
8. Wiener Gemeindebezirk gut 8.900 Euro, die durchschnittliche Miete pro Quadratmeter liegt bei ca. 15,50 Euro. Stark vereinfacht lässt sich also sagen, dass bei Kauf und zeitgleicher Vermietung einer 100-Quadratmeter-Wohnung in der Josefstadt jährliche Mieteinnahmen von 18.600 Euro Anschaffungskosten in Höhe von 890.000 Euro gegenüberstehen. Betrachtet man die Mieteinnahme als "Gewinn" und den Anschaffungspreis als "Kurs" der Immobilie, so käme man auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von fast 48: Man bräuchte also 48 Jahre, um den Kaufpreis wieder hereinzubekommen. Diesen Vergleich brauchen also Aktien mit einem Verhältnis von rund 33 nicht zu scheuen.