Die OMV hat voriges Jahr der in Abu Dhabi beheimateten Mubadala Investment Company PJSC den sehr hohen Preis von 4,68 Milliarden US-Dollar bezahlt, um ihren Anteil an der Chemiefirma Borealis von 26 auf 75 Prozent zu erhöhen (die "Wiener Zeitung" berichtete). Dieser Kaufpreis für 39 Prozent der Borealis-Anteile gab, als die Transaktion angekündigt wurde, der Borealis einen Wert von 12 Milliarden US-Dollar, während der damalige Börsenwert der gesamten OMV AG bei nur 11 Milliarden Dollar lag.

Wolfgang Schollnberger war mehrere Jahrzehnte als Manager bei OMV, Shell, BP und Amoco in mehr als 50 Ländern tätig. Er war auch Vorsitzender der International Association of Oil and Gas Producers (IOGP) in London sowie Honorarprofessor an der Montanuniversität in Leoben. Er lebt in den USA. - © privat
Wolfgang Schollnberger war mehrere Jahrzehnte als Manager bei OMV, Shell, BP und Amoco in mehr als 50 Ländern tätig. Er war auch Vorsitzender der International Association of Oil and Gas Producers (IOGP) in London sowie Honorarprofessor an der Montanuniversität in Leoben. Er lebt in den USA. - © privat

Zugegeben, die OMV-Aktie war damals, im März 2020, in Folge des durch die Corona-Pandemie ausgelösten Kurssturzes unterbewertet. Der Vergleich der damaligen Bewertung der OMV mit der von Borealis zeigt aber deutlich, wie ungewöhnlich hoch der Preis war, den die OMV an Mubadala zahlte. Interessant ist auch, dass die Weltfirma BP zeitgleich ihren bedeutenden Petrochemiebereich zur Gänze an die britische Ineos Group verkauft hat, unter anderem um aus Plastik auszusteigen und ihren Kunden mehr erneuerbare Energieformen anbieten zu können.

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Hat die OMV unterschätzt, wie sehr in der Chemie finanzieller Erfolg von prekären Gewinnspannen abhängt, die schwer zu erreichen sind, oft gering sind und in dieser notorisch zyklischen Industrie stark schwanken? Die Diskussion über die OMV, deren verstärkte Zuwendung zur Chemie und den dafür an Mubadala gezahlten Preis ist seither nicht abgerissen und wurde durch den vor ein paar Tagen angekündigten Abgang des OMV-Chefs Rainer Seele erneut angefacht. Jetzt hat aber diese Angelegenheit noch ein ganz anderes Nachspiel.

Gewaltige Erdgasfunde unter dem östlichen Mittelmeer

Unter dem östlichen Mittelmeer sind in den Offshore-Gebieten von Ägypten, Israel und Zypern gewaltige Mengen von Erdgas gefunden worden. Schätzungen der vom Nildelta-Becken und vom Levante-Becken zu gewinnenden Gasmengen belaufen sich derzeit auf 9,7 Billionen Kubikmeter Gas. Weitere Untersuchungen und Bohrungen werden diese Gasmengen noch vergrößern. Darüber hinaus werden auch in den Offshore-Gebieten der Türkei, Syriens und des Libanon, wo die Exploration erst in den Anfangsphasen steckt, weitere große Gasfunde erwartet.

In mehreren Artikeln, Leserbriefen und Gastkommentaren habe ich seit 2016 auf die Bedeutung der Lagerstätten unter dem östlichen Mittelmeer für die EU, und damit auch für die OMV, hingewiesen. Das östliche Mittelmeergebiet kann zwar nicht Russland als bedeutenden Gaslieferanten in die EU verdrängen, aber doch eine wichtige Versorgungsalternative bieten und damit den eisernen Griff von Gazprom und dem russischen Staat im europäischen Gasmarkt lockern und der EU geopolitisch mehr Atemfreiheit geben.

Die Aufsuchung von Erdgas im östlichen Mittelmeer wurde von der US-Firma Noble Energy zusammen mit der israelischen Firma Delek LP und Partnern pioniert. Deren Einsatz und Risikofreude wurden mit dem Auffinden der gigantischen Gasfelder Tamar und Leviathan in Offshore-Israel und Aphrodite in Offshore-Zypern (mit einem Ausläufer nach Israel) belohnt. Die Firma Noble Energy wurde 2020 vom US-Energiemulti Chevron zur Gänze aufgekauft. Im April 2021 wurde nun durch internationale Medien bekannt, dass Abu Dhabis Mubadala Petroleum LLC plant, den gesamten Anteil (22 Prozent) der Firma Delek LP am israelischen Gasfeld Tamar für 1,1 Milliarden Dollar aufzukaufen.

Bisher größte arabische Investition in Israel

Wohlgemerkt, Mubadala Petroleum hält auch 24,9 Prozent der OMV-Aktien und ist eine Tochter der Mubadala Investment Company, die - wie oben erwähnt - im Vorjahr von der OMV 4,68 Milliarden Dollar für 39 Prozent der Chemiefirma Borealis bekommen hat. Der Einstieg von Mubadala Petroleum in ein israelisches Gasfeld ist die bisher größte arabische Investition in Israel. In der internationalen Presse wird dieser Transaktion mit Recht große geopolitische Bedeutung zugemessen. Sie könnte tatsächlich auf Entspannung und wachsenden Willen hinweisen, friedliche Lösungen für langjährige Konflikte im Nahen Osten zu finden.

Für die OMV und Österreich hat diese an sich erfreuliche Entwicklung aber doch einen etwas bitteren Beigeschmack. Die sicheren und wahrscheinlichen Gasreserven in Tamar umfassen vorsichtigen Schätzungen zufolge rund 280 Milliarden Kubikmeter - 22 Prozent davon sind fast 62 Milliarden Kubikmeter. Österreichs Erdgasverbrauch für das gesamte Jahr 2019 betrug 9 Milliarden Kubikmeter. Für weniger als ein Viertel (!) des Betrages, den die OMV für die Aufstockung ihres Anteils an Borealis auf 75 Prozent (Mubadala besitzt die restlichen 25 Prozent) an Mubadala bezahlt hat, kann Mubadala jetzt also Gasreserven ohne Explorationsrisiko verbuchen, die Österreichs gesamten Gasbedarf für fast sieben Jahre decken würden. Sowohl in der globalen wie auch in der europäischen Wirtschaft wird Erdgas während der kommenden, äußerst notwendigen Energiewende und auch noch danach als Energiequelle und als Rohstoff für Jahrzehnte hin eine bedeutende Rolle spielen.

Unter Generaldirektor Seele, der seit 2015 die OMV stark auf russisches Gas hin ausgerichtet hat, war eine OMV-Beteiligung im östlichen Mittelmeer vermutlich ganz ausgeschlossen. Möge die OMV mit seinem Abgang wieder ein selbständiges Unternehmen werden, das nicht von Gazprom (Russland), BASF/Wintershall Dea oder Abu Dhabi gegängelt wird. Nun gilt es, die OMV in fruchtbarer, für beide Seiten gewinnbringender Partnerschaft mit Mubadala als modernes Energie- und Chemieunternehmen aufzubauen. Kunden erwarten von der OMV nachhaltige Produkte und Dienstleistungen von hoher Qualität, die ihre Bedürfnisse während und nach der Energiewende befriedigen.