"Es ist nicht mehr an der Zeit, die ökologischen Katastrophen bloß zu konstatieren. Auch nicht, sich der Vorstellung hinzugeben, dass die Entwicklung von Technologien allein Abhilfe schaffen könnte, geschweige denn, dass sie die großen Fehlentwicklungen beheben könnte, die den Planeten und die Biosphäre endgültig zu stören drohen. Der rettende Entwicklungssprung kann nur durch eine gewaltige Umwälzung in unseren Beziehungen zum Menschen, zu anderen Lebewesen und zur Natur erfolgen. Ein ökologisches Solidaritätsbewusstsein muss die Kultur des Wettbewerbs und der Aggression ersetzen, die derzeit die globalen Beziehungen dominiert."

Werner Wintersteiner ist emeritierter Professor an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt, Friedensforscher und Friedenspädagoge. Neueste Publikation: "Die Welt neu denken lernen (2021 bei transcript, open access). - © privat
Werner Wintersteiner ist emeritierter Professor an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt, Friedensforscher und Friedenspädagoge. Neueste Publikation: "Die Welt neu denken lernen (2021 bei transcript, open access). - © privat

Was sich wie ein Kommentar zu den neuesten Entwicklungen von Klima- und Corona-Krise liest, stammt in Wirklichkeit aus einem mehr als 30 Jahre alten Text des französischen Denkers Edgar Morin, dessen 100. Geburtstag am 8. Juli in Frankreich und vielen Teilen der Welt mit Symposien und Tagungen groß begangen wurde, wobei der rüstige Jubilar selbst mitreißende Vorträge hielt.

Der französische Philosoph und Soziologe Edgar Morin bei einer Rede anlässlich seines 100. Geburtstags. - © afp / Yoan Valat
Der französische Philosoph und Soziologe Edgar Morin bei einer Rede anlässlich seines 100. Geburtstags. - © afp / Yoan Valat

Komplexes Denken für eine komplexe Wirklichkeit

Für Morin ist dieses globale Solidaritätsbewusstsein seit langem selbstverständlich, denn als Theoretiker des komplexen Denkens legt er Wert darauf, große Zusammenhänge herzustellen, statt alle Probleme einzeln wahrzunehmen und getrennt anzugehen, statt einem "methodischen Nationalismus" (Zitat Ulrich Beck) zu huldigen oder sein Denken strikt nach Disziplinen auszurichten.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l.) gratulierte dem Philosophen und Soziologen Edgar Morin (mit seiner Ehefrau Sabah Abouessalam) zum 100. Geburtstag. - © afp / Yoan Valat
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l.) gratulierte dem Philosophen und Soziologen Edgar Morin (mit seiner Ehefrau Sabah Abouessalam) zum 100. Geburtstag. - © afp / Yoan Valat

1921 als Edgar Nahoum in Paris als Sohn einer Familie sephardischer Juden aus Thessaloniki geboren, wird er als junger Mann zum Résistance-Kämpfer, wo er den Decknamen Morin annimmt, den er als Pseudonym für seine wissenschaftliche Arbeit behält. Zunächst Mitglied der französischen Kommunistischen Partei, kritisiert Morin deren stalinistischen Kurs und wird 1951 ausgeschlossen. Seinem politischen Engagement, zunächst gegen den Algerien-Krieg und den Kolonialismus, bleibt er lebenslang treu.

Als Forschungsdirektor am CNRS (Centre national de la recherche scientifique), einer der bedeutendsten Forschungseinrichtungen Frankreichs, beschäftigt er sich früh mit Film, TV und Populärkultur - Themen, die damals noch kaum wissenschaftliche Beachtung erfahren. Im Austausch mit führenden Intellektuellen und Künstlern nicht nur in Frankreich entwickelt er sein herausragendes Ideengebäude, in dem seit den 1960ern die Ökologie einen wesentlichen Platz einnimmt.

Zusammengefasst ist all das in seinem sechsbändigen Hauptwerk "Die Methode". Ein wesentliches Stichwort darin ist die so "Auto-Öko-Organisation" von Systemen: Man muss sowohl die relativ autonome innere Logik von Gesellschaften, Gruppen, Menschen beziehungsweise des Lebens insgesamt berücksichtigen wie auch deren Abhängigkeit von der jeweiligen Umgebung. Davon ausgehend nimmt Morin den Menschen immer in seiner dreifachen Bestimmung wahr: als Individuum, als Mitglied der Gesellschaft und als Gattungswesen in der Biosphäre.

Ignoriert man die menschliche Natur, wie meist die Soziologie, oder will man alles aus ihr ableiten, wie oft die Psychologie, wird man der Komplexität des menschlichen Lebens genauso wenig gerecht, wie wenn man die Einbettung des Menschen in die Gesamtheit der Natur beiseitelässt, wie es Technik und Sozialwissenschaften häufig tun. Mehr noch: Morin betont, dass der homo sapiens in Wirklichkeit ein sapiens-demens ist, dass er also nicht nur ein vernunftbegabtes Wesen ist, sondern auch mehr als andere Lebewesen zu Wahn und Übermaß neigt - ebenso wie die Vernunft Ausdruck seiner hyperkomplexen mentalen Struktur ist. Das hat Auswirkungen auf Alltag, Politik und Pädagogik.

Einen neuen
Weg einschlagen

Was das angesichts der Corona-Krise konkret bedeutet, hat Morin schon 2020 in Buch "Changeons de voie" ("Ändern wir unseren Weg") durchexerziert, einer Publikation, die auf einer Art Zusammenfassung seines philosophischen Lebenswerks beruht. Morin sieht darin die Corona-Krise als Symptom und weiteren Bestandteil einer Krise der Menschheit, die zugleich "eine Krise der Moderne, eine Krise der technologischen, ökonomischen, industriellen Krise ist, eine Krise des Paradigmas, das alle Kräfte organisiert und gefördert hat, die nun entfesselt auf den Abgrund zutreiben".

Dieses Paradigma ist für ihn die Vorstellung, dass der Mensch als Herr über die Erde die Natur ebenso wie seine Mitmenschen rücksichtslos ausbeuten könne und die Ressourcen unerschöpflich seien. Damit die Menschheit überleben kann, so Morin, muss sie sich grundlegend verändern und eine Metamorphose durchmachen. Diese Erkenntnis von den Grenzen des Wachstums ist nicht neu, aber selten hat sie jemand gründlicher und vor allem im Hinblick auf ihre politischen und kulturellen Implikationen genauer durchgedacht als der französische Philosoph.

Eine Schicksalsgemeinschaft im "Heimatland Erde"

In seinem Buch "Heimatland Erde" (mit Anne-Brigitte Kern, 1993) zieht Morin politische Schlussfolgerungen aus der Polykrise der Moderne. Er verwendet dazu eingängige Metaphern: Wir müssen endlich unsere irdische Schicksalsgemeinschaft anerkennen, um auf globale Krisen mit globaler Solidarität statt einer Rette-sich-wer-kann-Mentalität zu reagieren. Diese Schicksalsgemeinschaft ist gefasst im Bild von der Erde als Heimatland. Es unterstreicht, dass bei allen Differenzen und Ungleichheiten, der schreienden Ungerechtigkeit bei der Aufteilung von Ressourcen und Lebenschancen, die Erde als Ganzes unser politisches Handlungsfeld werden muss. "Global Citizenship" nennt man das heute.

Doch "Heimatland Erde" meint noch mehr: Unsere Verbundenheit mit der gesamten Biosphäre muss sich ebenfalls in neuen politischen Strukturen und Verhaltensweisen niederschlagen - eine Einsicht, die sich erst in jüngster Zeit, oft unter dem Stichwort "Planetary Citizenship", Bahn bricht. Erst sehr zögerlich wird diskutiert, ob auch nicht-menschlichem Leben ein Rechtsstatus zustünde. Zugleich leben posthumanistische Fantasien auf, die die Menschheit ohnehin verloren geben.

Dem tritt Morin mit seinem "kosmischen Optimismus" (Zitat Arno Widmann) entgegen. Dieser speist sich aus der Einsicht, dass der Lauf der Geschichte nicht vorhersehbar ist, dass das einzig Sichere ist, dass Unerwartetes eintritt. Diese Offenheit gilt es zu nutzen, meint der unverbesserliche Humanist. Dabei müssen wir gegen zwei Formen der Barbarei Widerstand leisten, die die Menschheit immer mehr bedrohen: die alte Barbarei, die seit Urzeiten besteht - die Beherrschung und Unterwerfung der anderen, den Hass, die Verachtung, die sich in verschiedenen Formen Rassismus ausdrückt -, ebenso wie die eiskalte Barbarei der Berechnung und des Profits, die in großen Teilen der Welt die Macht übernommen hat.

"Kognitive Demokratie" für eine Veränderung von unten

Wie aber schaffen wir ein Bewusstsein von unserer Lage, wie können wir Veränderungen entwickeln und durchsetzen? Eben nur, wenn wir eine neue Art des Denkens entwickeln, das mit der Komplexität der Wirklichkeit auf Augenhöhe ist; wenn wir die verschiedensten Wissensbereiche miteinander verknüpfen; wenn wir auf gängige Reduktionismen verzichten - wenn wir also, wie Morin es ausdrückt, uns an eine "Reform des Denkens" wagen. Und mit dieser Reform müsse eine Reform der Bildung Hand in Hand gehen. Auch dazu hat Morin eine ganze Reihe von Publikationen vorgelegt, darunter die für die Unesco verfassten "Sieben Fundamente des Wissens für eine Erziehung der Zukunft". Bildung muss zum ganzheitlichen Denken und Erfassen der Zusammenhänge anregen, sie muss "Wissen über das Wissen" vermitteln, über die Rolle des Irrtums und die verschlungenen Wege der Erkenntnis. Sie muss methodischen Zweifel ebenso lehren wie die Urteilsfähigkeit schulen. Damit kann sich eine "kognitive Demokratie" als Voraussetzung für eine demokratische Veränderung von unten entwickeln. Denn "nur ein grundsätzliches Bewusstwerden dessen, was wir sind und werden wollen, kann den Wandel der Zivilisation ermöglichen".