Um in der Kindergartenfrage zu optimalen, den Kindern maximalen Nutzen sichernden Lösungen zu kommen, bedarf es des Blicks auf das gesamte erste Lebensjahrzehnt, das durch Entwicklungsschübe gekennzeichnet ist. Was Kinder in den ersten vier Lebensjahren erfahren, oft auch erleiden - etwa Traumatisierung durch Gewalt -, setzt sich in den noch freien Tiefen des Erinnerungsspeichers unauslöschlich als "Normalität" fest - mit positiven oder fatalen Auswirkungen. So werden Inspirationen für spätere individuelle Traumberufe meist in dieser frühen Lebensphase verinnerlicht, die für die Entwicklung der Interessenfähigkeit, also der Neugier, entscheidend ist.

Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat
Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat

Um das dritte oder vierte Lebensjahr, wenn ein Kind die Muttersprache widerspruchsfähig beherrscht, hat sich die Lernfähigkeit zu einem Höchststand entwickelt. Jetzt sollte unmerklich und bruchlos eine bis zum zehnten oder zwölften Lebensjahr währende "behutsame Schule" einsetzen, um die Lernfähigkeit des Kindes nicht verkümmern, sondern sich altersgerecht weiterentwickeln zu lassen.

Die heute als irreparabel erkannte personelle Schnittstelle Kindergarten/Schule um das sechste Lebensjahr würde durch eine gemeinsame Ausbildung aller Pädagogen für Kinder von null bis zwölf Jahren eliminiert. Der Vorschlag ist nicht neu - er sollte bloß endlich umgesetzt werden. Diese Struktur würde die Kindergartenlast der Gemeinden halbieren, da für die "behutsame Schule" ab drei oder vier Jahren der Bund zuständig wäre. Die Gestaltung der ersten drei Jahre geschähe im demokratischen Diskurs mit den Gemeindebürgern auf Basis bundesgesetzlicher Qualitätskriterien und ausreichender Pro-Kopf-Zuwendungen per Finanzausgleich.

Es gibt Fakten, die dazu angetan sind, einem die Tränen in die Augen zu treiben. Immer mehr voll geprüfte Kindergartenpädagoginnen streben nicht die ihnen zustehende Position einer akzeptabel entlohnten, verantwortlichen Gruppenleiterin an, sondern lediglich jene einer ungeprüften, weit schlechter bezahlten Helferin. Warum? "In diesem System, unter diesen Rahmenbedingungen, bin ich nicht bereit, Leitungsverantwortung zu übernehmen", hört man oft. Ähnliches begegnet uns auch verstärkt im Pflichtschulbereich.

Was Kaiser Joseph II. mit der Kindergartenmalaise zu tun hat? Nun, er war einer der ersten Monarchen, welche die Kinderarbeit abgeschafft beziehungsweise eingeschränkt haben. Tatsächlich wurden dadurch arme, kinderreiche Familien in noch tieferes Elend getrieben. Kinder galten fortan als "unnütze Esser", wurden nicht selten im Wald ausgesetzt, ihr Stellenwert sank dramatisch - mit Folgen bis heute! Bildungshistoriker sehen in dieser Abwertung der Kinder den Hauptgrund dafür, dass das Verhältnis zwischen Personalstand und Kinderzahl in der täglichen Kindergartenrealität heute noch ein den Aufgaben "Betreuung, Bildung und Erziehung" inadäquates ist.

Joseph II. und die ungewollte Marginalisierung der Kinder - befreien wir uns von dieser ein Vierteljahrtausend alten Last, schreiten wir endlich voran ins 21. Jahrhundert, um aus Kindern glückliche, erkenntnis-, leistungs-, gemeinschafts- und liebesfähige Menschen werden zu lassen!