Im Rahmen des Kolloquiums an der Universität für Weiterbildung Krems warfen Expertinnen und Experten in ihrem "Vision Statement" grundlegende Fragen auf. Das Europa-Forum Wachau im Juni widmete sich dem Thema "Heading for New Horizons" und analysierte zentrale Aspekte einer sich stark wandelnden Wirtschaft unter dem Eindruck der Corona-Pandemie und der digitalen Transition. Unter dem Titel "An Economy that works" formulierten Expertinnen und Experten - darunter der Ökonom Wolfgang Price, der Direktor des UN Sustainable Development Solutions Network, Jeffrey D. Sachs, der frühere OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny, Katharina Fellnhofer (ETH Zürich und Harvard University) und Gerald Steiner, Dekan der Fakultät für Wirtschaft und Globalisierung - eine Resolution für zielgerichtete, gewinnbringende und sozial nützliche Arbeit.

Neue Rolle für
den Faktor Arbeit

Rainer Hauptmann ist wissenschaftlicher Redakteur der Fakultät für Wirtschaft und Globalisierung an der Donau-Universität Krems. - © Donau-Universität Krems
Rainer Hauptmann ist wissenschaftlicher Redakteur der Fakultät für Wirtschaft und Globalisierung an der Donau-Universität Krems. - © Donau-Universität Krems

Auf diesem Weg sollen politische Entscheidungsträgerinnen und -träger unterstützt werden, ein Konzept für die Zukunft der Arbeit im europäischen Kontext zu entwerfen. Eine Prämisse des "Vision Statements" ist es, Arbeit nicht allein als Erwerbsarbeit, sondern als die Antwort auf das Streben des Menschen nach sinnvoller Tätigkeit zu sehen, um sich in der Gesellschaft einzubringen. Die aktuellen Umbrüche, angestoßen von der digitalen Transition und beschleunigt durch die Pandemie, führen unter anderem zu einer Dezentralisierung der Arbeitssettings und einer weitergehenden Individualisierung der Arbeit. Noch fehlt eine umfassende Einsicht in den Kern dieses Wandels der organisierten Arbeit.

Nicht jeder Job ist erfüllend. - © stock.adobe / leszekglasner
Nicht jeder Job ist erfüllend. - © stock.adobe / leszekglasner

In der Zukunft werden die Trennungen zwischen "Machern" und "Denkern" einerseits sowie Beruf und Privatleben andererseits verschwimmen, da die Haushalte durch 3D-Druck und Co-Working-Settings produktive Einheiten werden. Für die Menschen wird der Übergang langfristig vor allem zwei Effekte bringen: die Befreiung von mühsamer und gefährlicher Arbeit zum einen und das Freiwerden von Arbeitskräften für den sozialen Dienstleistungssektor zum anderen. Gerade die Pandemie verdeutlichte die Anfälligkeit des sozialen Dienstleistungssektors in Europa und anderen Teilen der Welt.

Durch immer leistungsfähigere autonome Produktionsmittel wird sich die Rolle des Faktors Arbeit verändern. Es ist fraglich, ob sie der primäre Treiber der Wertschöpfung bleiben wird. Aus diesem Grund fordert die Resolution schon jetzt die Entwicklung neuer arbeitsmarktökonomischer Modelle, in denen Arbeitsplätze nicht als Marktimperativ, sondern als Antwort auf individuelle oder soziale Imperative erkannt werden. Arbeit soll dann nicht nur als Erwerbsarbeit verstanden werden, als jener zentrale Aspekt des Arbeitslebens, der auf die industriellen und kommerziellen Muster des Maschinenzeitalters zurückgeht. Der neue Ansatz dagegen versteht unter Arbeit eine inklusive Ordnung von Aufgaben, zu denen unter anderem Lohnarbeit, Kindererziehung, Formen der Freiwilligenarbeit, Haushaltsführung, kommunale Kulturarbeit und auch körperliche Fitnessaktivitäten zählen werden.

Sonderfall Sozialdienstleistungen

Während die menschliche Arbeitsleistung in vielen Bereichen tendenziell zurückgehen wird, behalten die einzigartigen menschlichen Qualitäten im Bereich der Sozialarbeit ihre hohe Relevanz. Die Größenordnung wird an einigen Zahlen erkennbar: In Europa gibt es zwei Millionen sozialwirtschaftliche Unternehmungen (dazu gehören NGOs, Genossenschaften, Vereine, Mikrofinanzierungen etc.) mit elf Millionen Menschen in dieser Wirtschaft des dritten Sektors. Das entspricht etwa 6 Prozent der Beschäftigten in der EU. Die Resolution sieht die Notwendigkeit, die Aussichten für die Menschen zu erweitern, zielgerichtete, gewinnbringende Arbeit aus kreativen Investitionen in soziale Innovation zum Wohle der Allgemeinheit zu leisten. Dass der Faktor Gesundheit auch finanziell große ökonomische Auswirkungen hat, zeigt sich darin, dass die europäische Wirtschaft durchschnittlich 15 Prozent des BIP durch die Folgen einer schlechten Gesundheit und damit verbundener Produktionsausfälle verliert.

Um den sozialen Dienstleistungssektor zu stärken, sind starke wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Institutionen notwendig. Hierfür ist eine Finanzierung durch die EU und ihre Mitgliedstaaten erforderlich. So könnte ein eigener EU-Währungsfonds analog zum Internationalen Währungsfonds (IWF) die Entwicklung eines Marktes und die Finanzierung von Investitionen in soziale Unternehmungen unterstützen. Auch neue Steuermodelle könnten soziale Innovationen fördern, ebenso wie erweitertes Crowdsourcing. Durch erweiterte Freiwilligendienste, Unterstützung von Firmen durch bezahlte Freistellungen für gemeinnützige Dienste und Ausgleichsprogramme, etwa eine Anrechenbarkeit für die Pension, kann dieser Sektor an Attraktivität gewinnen.

Wirtschaftsleistung adäquater messen

Der Status des wirtschaftlichen Wohlergehens müsste durch neue Indizes abseits von BIP, Inflation und Beschäftigungszahlen gemessen werden. So werden aktuell weder der gemeinnützige soziale Sektor noch die Folgen von Klimawandel, Katastrophen oder ungünstigen sozialen Verwerfungen gebührend berücksichtigt. Die Informationstechnologie könnte die Realität besser abbildende Wertmaßstäbe wie den "Genuine Progress Indicator" für die wirtschaftliche Transformationsperiode liefern. Auch ein "Time Use Survey" könnte wertvollen Aufschluss darüber geben, wie viel Zeit durchschnittlich für Arbeit, Kinderbetreuung, Freiwilligendienste und dergleichen aufgewendet wird.

EU-Programme wie "Horizon Europe", die auf die finanzielle und politische Unterstützung innovativer sozialer Güter und Dienstleistungssektoren in den Mitgliedstaaten zielen, leisten ihren Beitrag zu den EU-Zielen wie Wirtschaftswachstum und Arbeitsplatzsicherung. Als weitere Förderungseinrichtung wird ein Ministerium für nationale und kommunale Entwicklung vorgeschlagen, das eigene Finanzdienstleistungen für die Gründungskosten von Sozialunternehmen verwalten könnte. Um diese Investitionen unabhängig zu bewerten, könnten Analysen bei den Akademien der Wissenschaften in den Mitgliedstaaten in Auftrag gegeben werden. Diese würden beabsichtigte wie auch unbeabsichtigte Konsequenzen politischer Interventionen und die durch diese induzierten sozialen Veränderungsprozesse beinhalten.