Endlich. Nach Wochen der Ankündigungen und Teiloffenbarungen verkündete Minister Heinz Faßmann diese Woche nun die konkreten Pläne des Bildungsministeriums für den Schulbeginn im September. Frühwarnsystem, Filter, Vorteile für Geimpfte: Da hatte sich aber jemand Zeit gelassen. Man könnte schon fast Tom Cruise fragen, ob er nicht die kurzfristige Umsetzung dieser Pläne als neuesten Teil der "Mission: Impossible"-Reihe verfilmen möchte, denn das könnte die Umsetzung werden: eine "Mission Impossible". Es gibt etwa 55.500 Klassenzimmer in Österreich, die nun zum Beispiel abgecheckt werden müssen, ob sich Fenster öffnen lassen. Wenn nicht, würde/sollte/müsste ein Luftfilter eingebaut werden. Vier Wochen bleiben noch, bis für die Ersten die Schule wieder anfängt, ich wünsche den zuständigen Zulieferern der Geräte also schon jetzt alles Gute. Ich jedenfalls bin schon sehr gespannt.

Der gebürtige Niederländer Stijn J.J. Maas (Jahrgang 2004) ist im Schuljahr 2021/22 Salzburger Landesschulsprecher und Bundesschüler_innenvertreter. Nach der anstehenden Matura will er in seine Heimat zurückkehren und dort aktiv in die Politik einsteigen (Endziel: Premierminister). - © privat
Der gebürtige Niederländer Stijn J.J. Maas (Jahrgang 2004) ist im Schuljahr 2021/22 Salzburger Landesschulsprecher und Bundesschüler_innenvertreter. Nach der anstehenden Matura will er in seine Heimat zurückkehren und dort aktiv in die Politik einsteigen (Endziel: Premierminister). - © privat

Doch nicht nur werden Luftfilter eingebaut, auch sollen wöchentlich ganze 300 Schulen (das ist etwa jede 18. Schule in ganz Österreich) mit PCR-Tests versorgt werden. Diese neuen Maßnahmen sind sinnvoll, aber auch kostspielig. Jedoch können die Entscheidungsträger der Republik Österreich mit Stolz verkünden, dass für unsere Gesundheit nichts zu teuer ist (nachdem zum Teil dieselben Entscheidungsträger den Gesundheitsbereich über Jahrzehnte fast zu Tode gespart haben). "Alles spült" - und manches speibt . . .

Auch Geimpfte müssen weiterhin getestet werden. - © apa / Herbert Neubauer
Auch Geimpfte müssen weiterhin getestet werden. - © apa / Herbert Neubauer

Die Post hat sich als Überbringerin der PCR-Tests angeboten (Amazon hatte anscheinend kein Interesse). Faßmann erhofft sich übrigens eine schnellere Testauswertung und Übermittlung der Ergebnisse, ganz nach dem Motto: "Wenn’s wichtig ist, dann lieber mit der Post." Wir denken an dieser Stelle bitte nicht an die Odyssee so mancher Weihnachtspakete.

Aber Scherz beiseite: Als Landesschulsprecher und Bundesvertreter der Schülerinnen und Schüler kann ich mich mit dem Frühwarnsystem, den PCR- und Antigentests sowie den Luftfiltern als Maßnahmen gut anfreunden. Die Landesschüler_innenvertretung der Salzburger AHS hat sogar einige Tage vor Faßmanns Pressekonferenz ein zwölfseitiges Statement an Medien und Ministerium geschickt, in dem wir unter anderem eine Maskenpflicht im Schulhaus für alle Schülerinnen und Schüler gefordert haben - eine Forderung, an die sich das Ministerium gehalten hat, nachdem Faßmann überlegt hatte, Geimpfte zu privilegieren und von der Maskenpflicht zu befreien.

Gleich hohe Viruslast

Und da sind wir auch schon beim Stichwort: Privilegien für Geimpfte. Denn die wohl größte Ankündigung des Ministers war die Befreiung der Geimpften von Corona-Tests. Aber ist es schlau, geimpfte Schüler nicht zu testen? Eine Studie des Londoner Imperial College hat in diesen Tagen die Resultate einer Studie an 98.000 Geimpften veröffentlicht. Das Ergebnis: Vollständig Geimpfte haben ein um
50 bis 60 Prozent geringeres Risiko, sich mit der Delta-Variante des Coronavirus anzustecken. Mit anderen Worten: 40 bis 50 Prozent haben dieses Risiko schon! Und die "Washington Post" hat Studienergebnisse der US-Gesundheitsbehörde CDC veröffentlicht, laut denen die Viruslast von mit der Delta-variante angesteckten vollständig Geimpften etwa genauso hoch wie die Viruslast von infizierten Ungeimpften.

Was also treibt das Bildungsministerium dazu, Menschen, die ein 40- bis 50-prozentiges Risiko haben, sich mit der Delta-Variante (mehr als 90 Prozent der Neuinfektionen sind auf diesen Virusstamm zurückzuführen, bei den Jugendlichen fast 100 Prozent) zu infizieren und sie dann mit anscheinend gleicher Viruslast wie Ungeimpfte weiterzugeben, nicht zu testen? Ach ja, natürlich: die Regierungslinie, die auf Privilegien für Geimpfte setzt. Eine Regierungslinie, die Ungleichheit in der Klasse vorsieht. Das war’s dann wohl mit den pompösen Worten von Solidarität und Gemeinschaft, es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Klassen-Gesellschaft geworden.

Wo kommt diese Blauäugigkeit her? Geimpft zu sein, bedeutet: Man hat eine 95-prozentige Chance, bei einer Infektion (egal ob Alpha-, Beta-, Gamma- oder Delta-Variante) nicht im Krankenhaus oder gar auf der Intensivstation zu landen - wenn es aber um Anstecken und Weitergabe geht, muss das Ganze weit kritischer gesehen werden. Geimpfte sind schließlich bei weitem nicht zu 100 Prozent sicher vor dem Coronavirus und können es sogar weitergeben. Genau der gegenteilige Anschein wird nun aber durch eine Privilegierung Geimpfter geweckt. Natürlich, für sich selbst sind sie geschützt, aber das bedeutet noch lange keinen Schutz für Ungeimpfte, Genesene oder andere Geimpfte, mit denen sie Kontakt haben. Darum: Alle Schüler sind zu testen! (Für unsere Gesundheit war ja nichts zu teuer, oder?)

Ungeimpfte als Unterprivilegierte

Ich bin kein Impfgegner, ganz und gar nicht. Impfen ist das wohl Wichtigste im Moment. Aber ich bin Gegner eines Systems, das unklugerweise dem Motto folgt, dass Geimpfte privilegiert werden sollen, um damit andere zum Impfen zu pushen, weil sie ansonsten im logischen Umkehrschluss zu Unterprivilegierten werden. Das ist in Anbetracht der jüngsten Studienergebnisse (denen wohl noch viele weitere folgen werden) nicht nur ungerecht, sondern auch bildungsfern. Was ist übrigens mit all den jungen Genesenen, die sich ein halbes Jahr lang nicht impfen lassen sollten? Werden die ignoriert oder einfach vergessen? Waren die nicht auch einmal eines der drei "G"? Und eine gar nicht so kleine Bevölkerungsgruppe - gerade unter den Schülern - hat noch gar keine Möglichkeit, sich überhaupt gegen Covid-19 impfen zu lassen.

Nicht nur wir als Vertreter der Schülerinnen und Schüler äußern Kritik, auch die politische Opposition musste sich natürlich zu Wort melden (zumeist weniger fundiert und mit anderen Intentionen, aber doch). Und dabei wurde und wird auch über echte Bildungsprobleme gesprochen: Lerndefizite, Nachhilfe, psychische Probleme. Wie es auch weitergeht (und es wird weitergehen): Letztendlich hat noch jeder "Mission: Impossible"-Film ein Happy End gehabt. Das sollte uns ein Trost sein.