Afrika gehört im globalen Vergleich zu den geringsten Verursachern von Treibhausgasen. Doch selbst wenn es dem Kontinent gelingt, seine derzeitige Emissionshöhe beizubehalten, wird Afrika den Preis für die Unachtsamkeit der restlichen Welt zahlen: Es bekommt als einer der ersten Kontinente die vielfältigen Folgen des Klimawandels zu spüren.

Ophélie Mortier ist Leiterin des Bereichs Verantwortliche Investments bei DPAM. - © DPAM
Ophélie Mortier ist Leiterin des Bereichs Verantwortliche Investments bei DPAM. - © DPAM

Auch politisch ist Afrika in Bezug auf Erneuerbare Energien mit Widersprüchen konfrontiert. Obwohl das Land diesbezüglich über ein großes ungenutztes Potenzial zahlreicher natürlicher Ressourcen verfügt, sind diese nicht immer leicht zugänglich. Tatsächlich ist die Mehrheit der Bevölkerung in den Ländern südlich der Sahara immer noch auf fossile Brennstoffe und Holz zur Stromerzeugung angewiesen. Trotz des Überflusses an Erneuerbaren Ressourcen haben die meisten Menschen nicht einmal direkten Zugang zu Strom. Und wer mit Strom versorgt ist, zahlt hohe Preise für eine stark umweltbelastende Energiequelle. Gleichzeitig sind Stromausfälle an der Tagesordnung.

Was kann getan werden, um eine nachhaltige Zukunft mit Wachstum und Wohlstand im ärmsten Kontinent der Welt zu fördern? Gibt es einen einfachen Ausweg aus diesen Gegensätzen, oder trüben die vielen Widersprüche Afrikas das Urteilsvermögen der Anleger?

Heute ist Afrika als zweitbevölkerungsreichster Kontinent für weniger als 4 Prozent der weltweiten Kohlenstoffemissionen verantwortlich. Darüber hinaus ist die historische Entwicklung seiner Emissionen - im Gegensatz zu einigen schnell wachsenden Ländern wie China - in den vergangenen Jahrzehnten bemerkenswert stabil geblieben. Sollte Afrika jedoch ein ähnliches Wachstumsmodell wie die meisten Industrieländer verfolgen, könnte der Kontinent bis 2050 zwischen vier und sieben Gigatonnen Kohlenstoffemissionen ausstoßen. Zum Vergleich: Diese Zahlen entsprechen der Summe der derzeitigen CO2-Emissionen Chinas, Europas und der USA.

Viel ungenutztes Potenzial für Erneuerbare Energien

Man würde dennoch erwarten, dass Afrika zumindest einige ökologische Vorteile aus seiner Position als derzeit einer der geringsten CO2-Emittenten der Welt zieht. Die geografische Lage des Kontinents ist jedoch von Natur aus anfällig für den Klimawandel. Dies wird durch die schwachen sozioökonomischen Bedingungen und das Fehlen von Verwaltungsorganen noch verstärkt. Wüstenbildung, Waldrodung, Wasserknappheit und Massenmigration werden die Entwicklung Afrikas in den kommenden Jahren zusätzlich erschweren. Auch die Covid-Pandemie hat die Situation nicht gerade erleichtert und die vielversprechenden Fortschritte von Ländern wie Ghana oder Senegal erheblich ins Stocken gebracht.

In puncto Erneuerbare Energien hätte Afrika zahllose Möglichkeiten. Vor allem die Solarenergie hat das Potenzial, den afrikanischen Energiesektor zu revolutionieren, zudem gibt es viele unerschlossene Quellen für Windenergie, Wasserkraft und geothermische Ressourcen. Der Bau und die Implementierung der notwendigen Anlagen zur Nutzung dieser Ressourcen ist jedoch eine gewaltige Herausforderung. Diese Schwierigkeiten lassen sich überall auf dem Kontinent beobachten: Obwohl Afrika eines der weltweit größten Reservoirs für Solarenergie darstellt, macht es kaum 1 Prozent der global installierten Kapazität aus.

Heute ist Holz die wichtigste Energiequelle in den Sub-Sahara-Ländern. Hinzu kommen weitere Probleme wie politische Unwägbarkeiten, unzureichende Infrastruktur, instabile finanzielle Ressourcen und ein begrenzter Zugang zu ausländischen und privaten Finanzmitteln. Eine ganze Reihe von Herausforderungen muss demnach bewältigt werden, bevor Erneuerbare Energien den afrikanischen Kontinent zuverlässig mit Energie versorgen können. Internationale Investoren könnten darüber nachdenken, wie sie hier eine entsprechende Rolle übernehmen können.

Gleichwohl gibt es für die Regierungen genügend Anreize zum Handeln: Mit Blick auf die Kosten sind Erneuerbare Energien heute genauso wettbewerbsfähig wie fossile Brennstoffe. Darüber hinaus muss Afrikas aktuelle Strominfrastruktur dringend erneuert werden: Die Kosten von Stromausfällen werden auf 2 bis 4 Prozent des afrikanischen BIP geschätzt. Außerdem müssen die afrikanischen Regierungen ihre Industrien ständig subventionieren, um sie am Laufen zu halten. Diese Subventionen für fossile Brennstoffe machen in Subsahara-Afrika fast 5,6 Prozent des BIP aus und belasten die Staatsverschuldung erheblich.

Dies führt zu einem Teufelskreis, bei dem Geld zulasten wichtiger Säulen der Nachhaltigkeit, wie Gesundheit und Bildung, verschwendet wird. Nachteilig auf die Entwicklung dieses Sektors wirkt auch die erhebliche politische Einmischung der Regierungen. Teilprivatisierungen könnten die Lösung sein. So hat beispielsweise Südafrika der Electricity Supply Commission, die ein Monopol auf die Stromerzeugung hatte, Investitionen im Energiesektor abgenommen. Da Südafrika der größte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Afrika ist, könnte die Zulassung privater Investitionen in einem Land, das in den vergangenen Jahren mit Engpässen zu kämpfen hatte, einen Wendepunkt darstellen.

Afrikas Stromtarife gehören zu den höchsten der Welt

Apropos Kosten: Die afrikanischen Verbraucher müssen mit die höchsten Stromtarife der Welt zahlen. Dennoch befinden sich die Stromversorger in Sub-Sahara-Afrika in großer finanzieller Bedrängnis. Die Stromversorgungsunternehmen können sich kaum über Wasser halten und haben Mühe, die Kosten für die Wartung und den Ausbau ihrer Netze zu decken. Es überrascht wenig, dass Investoren und Regierungen bei kapitalintensiven Projekten im Bereich der Erneuerbaren Energien nach wie vor eine ausgesprochene Risikoscheu an den Tag legen.

Kurz gesagt: Afrikas Umstieg von fossilen Brennstoffen auf Erneuerbare Energien scheint - zumindest auf dem Papier - angesichts erschwinglicher Energiekosten und des Überflusses an Ressourcen ein Kinderspiel zu sein. Eine sofortige Reform der öffentlichen Versorgungsunternehmen Afrikas spricht daher für sich selbst, denn jede Verzögerung wird die finanziellen und ökologischen Kosten nur erhöhen. Der Aufbau der erforderlichen Infrastruktur, die Rückführung des tief verwurzelten Netzes fossiler Brennstoffe sowie die Auflösung der zahlreichen politischen Verflechtungen sind jedoch eine gewaltige Herausforderung.

Die gute Nachricht ist, dass die meisten Länder südlich der Sahara keinen internationalen Verpflichtungen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen unterliegen und Anspruch auf finanzielle Unterstützung durch stärker entwickelte Länder haben. Die Anpassung Afrikas an den Klimawandel verläuft schleppend, weil es an Know-how, technologischen Lösungen und finanzieller Unterstützung mangelt. Da diese Themen derzeit auf der lokalen politischen Tagesordnung des Kontinents keinen hohen Stellenwert einnehmen und es an einer gemeinsamen Vision mangelt, kann die internationale Gemeinschaft zum Träger des Wandels werden.

Internationale Fördermittel sind entscheidend

Auf der UN-Klimakonferenz in Paris wurden 100 Milliarden Dollar pro Jahr versprochen, um die Entwicklungsländer bei ihren Klimabemühungen zu unterstützen. Diese Verpflichtung wird auf der bevorstehenden "COP 26" weiter überprüft werden müssen. Die vergangenen G7- und G20-Gipfel erwiesen sich jedoch als ein schlechtes Omen für Afrika in Bezug auf verlässliche Finanzmittel zum Klimaschutz. Die Beibehaltung dieser Fördermittel ist von entscheidender Bedeutung. Die Afrikanische Entwicklungsbank schätzt, dass der Kontinent bis zum Jahr 2030 etwa 715 Milliarden Dollar benötigen wird, um die Ziele des UNFCCC (Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über den Klimawandel) und des Pariser Abkommens zu erreichen.

Ein Silberstreif am Horizont: Bis heute haben die meisten afrikanischen Staaten - darunter Marokko, Senegal, Südafrika und Kenia - das Pariser Abkommen unterzeichnet und damit ihr Commitment zu einer Reduzierung der CO2-Emissionen und einer Steigerung der Kapazitäten im Bereich der Erneuerbaren Energien bekräftigt. Kenia kann sich sogar mit einigen der ökologisch engagiertesten Länder des Westens messen: Fast 50 Prozent der kenianischen Produktion stammen aus Erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft). Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, insbesondere Kohle und Öl, machte im Jahr 2015 gerade einmal 13 Prozent aus.

Die UNO geht davon aus, dass sich die Bevölkerung in den Ländern südlich der Sahara bis 2050 auf 2,1 Milliarden Menschen fast verdoppeln wird. Das macht die Energiekrise in Afrika noch dringlicher. Da die Bevölkerung weiter wächst und die Industrie expandiert, ist es für Afrikas künftige Regierungen von entscheidender Bedeutung, einen klaren und einheitlichen Weg zu nachhaltigem Wachstum zu finden und umzusetzen.

Die vielen Widersprüchlichkeiten bilden zugleich den Nährboden für eine nachhaltige Zukunft Afrikas. Anlegern stellt sich die Frage, was es braucht, um den Kontinent zum Blühen zu bringen. Vielleicht kann die nächste Klimakonferenz "COP 27", die in Afrika stattfinden wird, mehr Licht in diese Thematik bringen. Aber wird die Dringlichkeit des Klimawandels so lange warten?