Ein Hindernis im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt besteht darin, dass diese Form von Gewalt noch immer nicht gänzlich als gesellschaftliches Problem wahrgenommen wird und ein erheblicher Teil der europäischen Bevölkerung sie zuallererst für ein häusliches Problem hält. Dies kann zur Folge haben, dass die Opfer entweder die Gewalttat verschweigen und diese nicht zur Anzeige bringen oder, falls sie es doch tun, selbst Vorwürfen ausgesetzt sind.

Viel zu oft werden die Opfer nach einem vermeintlichen Auslöser in ihrem Verhalten oder in ihrer Kleidung gefragt, als ob sich die Gewalt der Täter rechtfertigen ließe. Der Fokus wird nicht selten auf diese Weise verlagert. Tatsächlich sind 27 Prozent der EU-Bürgerinnen und -Bürger der Ansicht, dass sich nicht-einvernehmlicher Geschlechtsverkehr in bestimmten Situationen rechtfertigen lasse. In Wahrheit ist nicht-einvernehmlicher Geschlechtsverkehr immer eine Vergewaltigung.

Tief verwurzelte Gewaltrechtfertigungen

Helena Dalli ist EU-Kommissarin für Gleichstellung. - © EU / Lukasz Kobus
Helena Dalli ist EU-Kommissarin für Gleichstellung. - © EU / Lukasz Kobus

Geschlechtsspezifische und häusliche Gewalt sind durch nichts zu rechtfertigen. Ein gesellschaftliches Umdenken zu erreichen, ist deshalb so schwierig, weil Rechtfertigungen für diese Formen von Gewalt tief in unserer Kultur verwurzelt sein können. Unser Urteilsvermögen kann zum Beispiel durch manche Meisterwerke aus Kunst und Literatur, die versuchte Vergewaltigungen ästhetisiert darstellen, getrübt werden.

Nehmen wir den Mythos von Daphne und Apollo. In Ovids Darstellung der Geschichte wird Apollo von Amors Pfeil getroffen, womit gerechtfertigt wird, dass er sich unweigerlich in die Nymphe "verliebt". Ovid erzählt von einer verängstigten Daphne, die vor dem ihr nachstellenden Apollo flieht. Zwar entgeht Daphne dem Angriff auf ihre menschliche Gestalt, doch wird sie als Objekt von Apollos Begierde gewaltsam zum Schweigen gebracht.

Will man einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen und Irrtümer über geschlechtsspezifische Gewalt ausräumen, so muss man Kinder schon früh für dieses Thema sensibilisieren - auch im Rahmen von Sexualerziehung - und in einen ganzheitlichen politischen Ansatz der "Nulltoleranz gegenüber Gewalt" investieren. Gesellschaftliche Bewegungen wie #MeToo haben sich als echte Triebkräfte des Wandels erwiesen.

#MeeToo hat Millionen Frauen geholfen, den Mut zu finden, ihr Schweigen zu brechen. Die Europäische Kommission bemüht sich ihrerseits in Kampagnen wie #SayNoStopVAW oder der UN-Initiative UNiTE um mehr Bewusstsein für das Problem. Dieses Mehr an Aufmerksamkeit für geschlechtsspezifische Gewalt ist längst überfällig und muss weitreichende Veränderungen nach sich ziehen.

Mit Tätern arbeiten,
Fachkräfte besser ausbilden

Auch Männer müssen sich in viel größerer Zahl einbringen. Wir werden nur dann etwas verändern, wenn alle dazu beitragen. Ebenso wichtig ist es, mit den Tätern zu arbeiten, damit sie nicht erneut Gewalttaten begehen. Dabei kommt es auf den richtigen Ansatz an. Täterprogramme müssen umfassender über geschlechtsspezifische Gewalt und ihre Auswirkungen aufklären und Interventionen nicht nur auf medizinische Behandlungen bei Drogenmissbrauch oder psychischen Problemen beschränken.

Beim Opferschutz müssen wir eine sekundäre Viktimisierung verhindern, die von einem mangelnden Verständnis geschlechtsspezifischer Gewalt herrührt. Jeder EU-Mitgliedstaat muss mehr in die Ausbildung von Fachkräften investieren, darunter vor allem von Richtern, Polizeikräften und Sozialarbeitern, damit sie die richtigen Fragen stellen und die richtigen Hinweise ausmachen können.

Das Europäische Netz für die Aus- und Fortbildung von Richtern und Staatsanwälten erhält jährlich 11 Millionen Euro aus dem EU-Haushalt und hat in der Vergangenheit Seminare über geschlechtsspezifische und häusliche Gewalt, sexuelle Ausbeutung im Zusammenhang mit Menschenhandel sowie Opferrechte in Fällen von Gewalt gegen Frauen und Kinder angeboten.

Mädchen werden immer
öfter im Internet belästigt

Unser Verständnis von geschlechtsspezifischer Gewalt muss mit den neuen Technologien Schritt halten. Einer Umfrage aus dem Jahr 2020 zufolge wurden 58 Prozent der Mädchen im Internet belästigt, und 50 Prozent gaben an, eher im Internet als auf der Straße Belästigung zu erfahren - diese Zahlen sind zuletzt weiter gestiegen. Die Pandemie und die Ausgangsbeschränkungen haben unseren Alltag stärker in die virtuelle Welt verlagert und gezeigt, dass wir auch ein sicheres Umfeld für unsere digitale Realität brauchen.

Geschlechtsspezifische Gewalt begegnet uns überall - am Arbeitsplatz, in der Schule, auf der Straße und im Internet. Sie beeinträchtigt die Gesundheit und das Wohlbefinden der Betroffenen und schränkt ihre Möglichkeiten ein, sich in der Gesellschaft zu entfalten. Sie ist kein fester oder integraler Bestandteil einer Kultur und kann verhindert werden. Um sie ein für alle Mal zu beseitigen, muss man sie zuallererst als Gewalt erkennen. Die Europäische Kommission geht diesen ersten Schritt mit einem Legislativvorschlag zur Bekämpfung und Verhütung geschlechtsbezogener Gewalt und häuslicher Gewalt.

Am Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen können auch Sie Ihren Teil dazu beitragen, geschlechtsspezifische Gewalt zu bekämpfen: Seien Sie wachsam und bringen Sie das Problem in Ihrem Umfeld zur Sprache. Treten Sie klar gegen diese Form von Gewalt auf. Wir brauchen die Unterstützung jedes und jeder Einzelnen, um dieses Übel an seiner Wurzel zu packen.