Der Kulturbetrieb ist in Bedrängnis. Allerorten machen sich Unsicherheit und Zukunftspessimismus breit. Da kann die Staatssekretärin noch einmal 6,5 Millionen Euro im Rahmen eines laufenden Fair-Pay-Prozesses für eine Verbesserung der Produktionsbedingungen lockermachen oder der Gesundheitsminister Zutrittserleichterungen in Aussicht stellen - die Angst sitzt tief, dass das Publikum nie mehr in der alten Unbeschwertheit und vor allem in der notwendigen Anzahl zurückkehren könnte; und folglich einschneidende Maßnahmen zur "Restrukturierung" und "Redimensionierung", wie sie bereits in einigen Einrichtungen angelaufen sind, auch für die meisten anderen unausweichlich wären.

Ein Gutteil der Verunsicherung besteht in der Tatsache, dass der Kulturbetrieb schlicht zu wenig über sein Publikum weiß. Also machen Gerüchte die Runde; rührende E-Mails von Stammkunden werden hervorgeholt, die allesamt belegen sollen, dass sich das Publikum nichts so sehr wünscht wie die ehebaldige Rückkehr zu einer präpandemischen Normalität.

Michael Wimmer ist Gründer und Direktor des Forschungsinstituts Educult sowie an der Universität für angewandte Kunst, der Universität für Musik und darstellende Kunst und der Universität Wien tätig. Er war Mitglied der Expertenkommission des Unterrichtsministeriums zur Einführung der Neuen Mittelschule und hat auch den Europarat, die Unesco und die EU-Kommission beraten. - © Petra Rautenstrauch
Michael Wimmer ist Gründer und Direktor des Forschungsinstituts Educult sowie an der Universität für angewandte Kunst, der Universität für Musik und darstellende Kunst und der Universität Wien tätig. Er war Mitglied der Expertenkommission des Unterrichtsministeriums zur Einführung der Neuen Mittelschule und hat auch den Europarat, die Unesco und die EU-Kommission beraten. - © Petra Rautenstrauch

Doch diese Beschwörungen von gewünschter Kontinuität können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die völlig einseitige Produktionslastigkeit der Kulturpolitik alle bisherigen Versuche hat scheitern lassen, besser Bescheid wissen zu wollen über ein Publikum, das sich da jeden Abend im Dunkel des Zuschauerraums versammeln soll. Und dass man nicht bereit war, datengestützte Erkenntnisse über die sich wandelnden Beziehungen der Bürger zum Kulturbetrieb in ihre strategische Weiterentwicklung einfließen zu lassen.

So konnte sich in unser aller Köpfe der Eindruck verfestigen, im Kulturbetrieb kreise alles um die Künstler; die Nutzer hingegen - jedenfalls, solange sie genügend Eintrittskarten kaufen - wären keine gleichberechtigten Akteure im kulturellen Leben, deren Kompetenzen, Erwartungen, Verbindlichkeiten und auch Enttäuschungen es in die überfällige Weiterentwicklung einzubeziehen gelte.

Strukturelle Ignoranz

Das Publikum könnte allerdings die Zeit der Pandemie dafür genutzt haben, sein kulturelles Verhalten nachhaltig zu verändern und sich aus einem Betrieb, der ihm eine ausschließlich passiv konsumierende Rolle zuweist, zu verabschieden. Einen gewichtigen Anteil daran haben die digitalen Medien mit ihren attraktiven, weil zunehmend interaktiven Angeboten.

Aber vielleicht sind die Gründe der massenhaften Abwendung viel trivialer, und die Menschen empfinden das Angebot schlicht als langweilig, für dessen Konsum sie nicht mehr bereit sind, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Sie halten die ewige Wiederkehr künstlerischer Selbstbespiegelung, die sie nicht persönlich anspricht, gerade in einer Phase eines umfassenden gesellschaftlichen Transformationsprozesses für zunehmend irrelevant. Und sie fühlen sich in ihren Ansprüchen, das kulturelle Leben mitzugestalten, nicht ernst genommen.

Diese Form der strukturellen Ignoranz, die die Kulturpolitik der vergangenen Jahrzehnte wesentlich mitverursacht hat, lässt es heute weiten Teilen des Kulturbetriebs als selbstverständlich erscheinen, den Nutzern jegliche Mitentscheidung abzusprechen. Das zeigt sich auch bei der aktuellen Strategieentwicklung für Kunst und Kultur, zu der sich die Bundesregierung verpflichtet hat, wenn die zuständige Staatssekretärin Andrea Mayer zwar mit der "gesamten Branche" ins Gespräch kommen will, die Nutzer aber einmal mehr strukturell ausgeschlossen bleiben.

Damit schafft sie in der breiten Öffentlichkeit den schalen Eindruck, hier wolle sich eine kleine Schar von Produzenten noch einmal mit der Politik ausmachen, wie sich ihre Arbeitsbedingungen (vor allem die Förderstrukturen) künftig gestalten sollen, während sie kulturpolitisch weiterhin kein Problem darin sehen, all jene, für die all die Produktionen gemacht werden, negieren zu können.

Es ist, als ob demokratische Standards den Kulturbetrieb noch nicht erreicht hätten. Geht es nach den jüngsten Erfahrungen, existiert offenbar noch nicht einmal ein politisches Bewusstsein dafür, dass eine solche Haltung zum Vorwurf des Elitismus führen muss. Mehr, dass sich die Akteure, die, wie eine Monstranz die Behauptung vor sich hertragen, für alle da sein zu wollen, mit einer solch ausgrenzenden Haltung gesellschaftlich - gerade in einer Zeit wachsender Konflikte - immer weiter an den Rand stellen.

Ein Kulturrat der Bürger

Um diesem Trend etwas entgegenzuhalten, sollten bei den nächsten Schritten kulturpolitischer Strategieentwicklung die Nutzer den Produzenten gleichberechtigt an die Seite gestellt werden. Als Repräsentanten der Gesamtgesellschaft sollte ihnen die Gelegenheit gegeben werden, sich bei der Weiterentwicklung des Kulturbetriebs aktiv einzubringen und damit die künftigen kulturpolitischen Schwerpunkte mitzugestalten. Der gerade erst vorgestellte Klimarat könnte bei der Installierung eines Kulturrates der Bürger dafür ein Wegweiser sein.

Und weil wir gerade dabei sind: Die seit den 1970ern eingeführten Jurys und Beiräte, die mit ihren spezifischen künstlerischen Qualitätsvorstellungen die (Kultur-)Politik bei der Fördervergabe beraten, sollten in gleicher Weise aufgewertet und damit auf ein demokratisches Niveau gehoben werden. Per Los könnten ganz normale Bürger neben den Experten an den diesbezüglichen Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Da würden wir spannende Diskussionen erleben, die bei entsprechender medialer Begleitung den Stellenwert der Kunst in der Gesellschaft schlagartig zu erhöhen vermögen.

Nicht alles wird sofort gelingen. In diesen neuen Experimentierräumen ist manches Scheitern vorhersehbar. Allzu vorschnelle Hoffnungen werden nicht aufgehen. Aber gesellschaftliches Lernen im Kulturbereich wird möglich und damit Kulturpolitik zumindest mittelfristig wieder zu dem, wofür sie angetreten ist - als Gesellschaftspolitik. Wir kommen um die Installierung solch neuer Entscheidungsformate nicht herum, wenn die Kunst eine neue Verankerung in der Gesellschaft finden soll. Mit der Eröffnung neuer Mitwirkungsmöglichkeiten entscheiden wir darüber, ob die Kunst noch einmal Relevanz in der Gesellschaft findet - oder eben nicht.