Im Frühling 2020 begann für Österreichs Schulen eine Odyssee von Verordnungen und Hygienekonzepten, die zeigte, dass unser Bildungssystem nicht nur kleine Schwachstellen hat. Sie führte zu starker Überforderung der Schülerinnen und Schüler. Die anfängliche Euphorie über ein paar Wochen "Corona-Ferien" verpuffte genauso schnell wie das Klatschen am Abend. Schnell existierte ein großer Teil der Klasse nur noch auf Bildschirmen in Konferenzen - für Lehrkräfte und Mitschüler teilweise unerreichbar. Plötzlich war Selbständigkeit gefragt. Das Problem: Nicht alle haben mitbekommen, wie das funktioniert. Im Schulalltag braucht man das schließlich nicht . . .

Die Erfahrungen aus zwölf Jahre im heimischen Bildungssystem lehren, dass im Schulumfeld nicht nur Corona-Ansteckungen subventioniert werden, sondern auch eine gewisse Unselbständigkeitskultur kultiviert wird. Das Bildungssystem gibt eine Struktur vor. Die Unterrichtszeiten sind klar geregelt, aber Abgabefristen werden meist eher als ungefähre Richtlinie gesehen, die auch einmal überschritten werden kann.

Maximilian Ruza maturiert gerade am Billrothgymnasium in Wien, wo er seit Herbst 2017 eine Schülerzeitung ("Das Billrothblatt") mitaufgebaut hat, die vor der Wien-Wahl auch Spitzenpolitiker interviewt hat.
Maximilian Ruza maturiert gerade am Billrothgymnasium in Wien, wo er seit Herbst 2017 eine Schülerzeitung ("Das Billrothblatt") mitaufgebaut hat, die vor der Wien-Wahl auch Spitzenpolitiker interviewt hat.

Im Unterricht wird Eigeninitiative meist bloß als gutes Add-on gesehen. So betteln Lehrkräfte fast schon darum, doch bitte diesen Abschnitt oder jene Anmeldung unterschrieben mitzunehmen. Wohlgemerkt, wir sprechen hier unter anderem von 17-Jährigen, die es ohne eine Extra-Einladung nicht auf die Reihe bekommen, ihre eigene Anmeldung für die Matura rechtzeitig abzugeben.

Es ist klar, dass man in einer Bildungseinrichtung nicht alle Themengebiete lehren kann, das würde den Lehrplan sprengen. Umso wichtiger ist es, den Lernenden die richtigen und wichtigsten Werkzeuge, wie Eigen- und Selbständigkeit, mitzugeben. Denn dann und nur dann bilden wir Menschen aus, die auch tatsächlich Eigeninitiative beweisen, einen Standpunkt hinterfragen, vertreten und sich dafür einsetzen können. Das wird aber nicht passieren, wenn Schülerinnen und Schüler den Unterrichtsstoff fertig aufbereitet serviert bekommen. Das ist aber der Status quo.

Verantwortung lernen

Um das zu ändern, muss Jugendlichen unter anderem die Konsequenz ihres Handelns bewusst werden. Ab einem gewissen Alter, zum Beispiel ab der Sekundarstufe II (AHS-Oberstufe, BHS, etc.), sollten Jugendliche in der Lage sein, sich die Folgen versäumter Fristen klarzumachen. Warum müssen ihnen die Lehrkräfte nachlaufen und darum bitten, dass die Hausaufgabe doch noch gemacht wird? Dass die Jahresnote dann schlechter wird und die Matura vielleicht zum größeren Problem, sollte logisch sein. Schließlich wird vielen Schüler schon früh eingetrichtert: "Übung macht den Meister!"

Das eben genannte Beispiel geht mit dem nächsten wichtigen Aspekt einher: Verantwortung. Sie wird heutzutage sehr gerne abgenommen. Das führt aber nicht nur dazu, dass Jugendliche dann schlechter damit umgehen können, sondern hat auch den Effekt, dass die Eigenständigkeit weniger wird. Schließlich ist sie ja, wenn in einer Bildungseinrichtung eine All-Inclusive-Behandlung mit Nachlässen bei versäumten Fristen und vielem mehr geboten wird, eine unnötige Verschwendung von Zeit und Energie der Lernenden. Viele agieren nach dem Motto: "Die werden sich doch eh darum kümmern, dass ich das Schuljahr schaffe . . ."

Die Menschheit hat schon früh erkannt, dass wir Eigenständigkeit sowie damit einhergehendes selbständiges und kritisches Denken benötigen. Aber warum gewöhnt unser Bildungssystem es den Jugendlichen dann ab? Dabei sind die Möglichkeiten und Effekte von mehr Eigen- und Selbstständigkeit an Österreichs Schulen enorm. Erstens würde die Effizienz massiv gesteigert. In einer durchschnittlichen Klasse geht für das Nachrennen von Hausaufgaben und ähnliches unheimlich viel Zeit drauf.

Zweitens wären Projekte leichter umsetzbar, denn nur selbständige Schüler versuchen zum Beispiel, die eigene Schule nachhaltiger zu machen, rufen zu Klimastreiks auf oder organisieren Events und Ausflüge miteinander.

Drittens würde digitales Lernen unterstützt, und vielleicht wären auch ein bis zwei Tage Homeschooling möglich. Bei guter Planung könnte das nicht nur Ressourcen im Bildungssystem sparen, sondern hätte tatsächlich einen positiven Effekt auf die Schüler. Denn daheim müssen wir selber Denken, um zu einer Lösung zu kommen, im Präsenzunterricht eher selten.