"Heute hätt’ ich gern eine Körperkamera getragen, damit mir irgendwer glaubt, was ich in der 3B schon wieder erlebt habe." Dieser Satz eines Kollegen über meine Klasse ist mir im Gedächtnis geblieben. Ging es dabei um das Unterrichten im engeren Sinn? Gab es Konflikte oder ging es um das Benehmen meiner Klasse? Vielleicht auch etwas anderes? Oder von allem etwas? Abwechslungsreich war es jedenfalls, als ich mit 21 Jahren mein erstes Dienstjahr an einer Wiener Mittelschule antrat.

Julia Holzer ist Bildungspsychologin an der Universität Wien. Ihre Forschung beschäftigt sich mit Wohlbefinden und Motivation in der Schule, deren Zusammenhänge mit Leistung sowie Fragen der Bildungsgerechtigkeit (Twitter: @jul_holzer). - © Stefan Knittel
Julia Holzer ist Bildungspsychologin an der Universität Wien. Ihre Forschung beschäftigt sich mit Wohlbefinden und Motivation in der Schule, deren Zusammenhänge mit Leistung sowie Fragen der Bildungsgerechtigkeit (Twitter: @jul_holzer). - © Stefan Knittel

Schülerinnen und Schülern die beste Bildung zu ermöglichen, unabhängig von ihren Startbedingungen, ist das vorrangige Ziel in Schulen mit besonderen Herausforderungen. Dort bedeutet Bildung viel mehr als die Vermittlung von Wissen. Es bedeutet, jungen Menschen einen sicheren Hafen zu geben, Grenzen zu setzen und Möglichkeiten aufzuzeigen - sie dabei zu unterstützen, ihre Potenziale zu entdecken und ihren Platz in der Welt zu finden. Viele Lehrpersonen in diesen Schulen sind genau deshalb Pädagogin oder Pädagoge geworden. Sie schaffen damit die Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft.

Die Rahmenbedingungen dafür sind jedoch alles andere als optimal. An Schulen in herausfordernden Lagen wirkt sich insbesondere die Häufung bildungsbenachteiligender Faktoren negativ auf Leistungsentwicklung und Lernmotivation aus. Es bestehen komplexe, vielschichtige Problemlagen, die multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften, Psychologinnen und Psychologen sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern erfordern. Doch an diesen Ressourcen mangelt es. So steigen die Anforderungen an die Multiprofessionalität der einzelnen Lehrpersonen. Aus Verantwortungsgefühl für die Schülerinnen und Schüler gleichen sie Defizite des Systems durch enormes persönliches Engagement, Innovation und Know-how aus. Dass dies aber nicht immer gelingt, ist ebenso Alltag.

Im Gegensatz zu vielen Gesundheits- und Sozialberufen werden Lehrpersonen mit der Aufarbeitung psychisch belastender Situationen weitgehend alleine gelassen. Supervision ist - ebenso wie die Verfügbarkeit multiprofessioneller Teams - Luxus. Gelingt es nicht, die Belastungen im Kollegium abzufangen, stauen sich Wut, Trauer und Hilflosigkeit an - Risikofaktoren für Erschöpfung und Burn-out. Dies wiederum destabilisiert Schulen, wirkt sich negativ auf die Bildungsqualität aus und führt dazu, dass der Beruf als Lehrperson zunehmend unattraktiv wird. Hinzu kommen geringe Aufstiegschancen, wenig Durchlässigkeit (Stichwort Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger) und ein Gehalt, das mit Honoraren in ähnlich komplexen und vielschichtigen Berufsfeldern nicht mithalten kann.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist es Zeit, umzudenken und Wege zu finden, die besten Köpfe als Lehrkräfte zu gewinnen. Einen derart elementaren Beruf weiterhin mit so wenig Ressourcen auszustatten, birgt Gefahren für die Widerstandskraft unserer Gesellschaft. Zeit also, berufliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Anforderungen an die (Multi-)Professionalität und Resilienz des Berufs als Lehrerin und Lehrer gerecht werden.