Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny

Dieser Tage fanden die Präsentationen der VWAs statt. Falls Sie diesen ersten Satz nicht verstanden haben sollten, so liegt das daran, dass Sie entweder noch oder schon zu schulfern sind. Es gibt Schlimmeres. Hier nun die "Übersetzung": Dieser Tage mussten die Schüler aller österreichischen Gymnasien ihre "Vorwissenschaftliche Arbeit" (VWA) vor einer Jury präsentieren. Alle Schüler. Aller Gymnasien. Denn dies ist der Auftakt der Zentralmatura, die jetzt und in den nächsten Monaten erstmals durchgeführt wird. Landesweit.

Entgegen einem verbreiteten Unmut möchte ich hier eine Lanze für die Zentralmatura brechen. Vor allem eine Lanze für die VWA. Und es wird sich zeigen, dass es eigentlich nur eine halbe Lanze ist. Aber immerhin.

In Zeiten, in denen Studien wie Kurse angelegt sind. In Zeiten, in denen die Universitäten immer verschulter werden, ist es zu begrüßen, wenn die Schulen wissenschaftlicher, also eigentlich vorwissenschaftlicher werden.

Diese Arbeiten, die ab nun jeder Maturant und jede Maturantin hierzulande vorlegen muss, fördern zweierlei. Zum einen soll eine vertiefende Auseinandersetzung mit einem Thema der eigenen Wahl gefördert werden. Die VWA kann in jedem Unterrichtsgegenstand geschrieben werden. Eine wunderbare Aufwertung aller Gebiete. Von Sport bis Mathematik, von bildnerischer Erziehung bis Physik werden alle Fächer gleichberechtigt als Wissensgebiete verstanden - als eine Form von Wissen also, dem man sich mittels Analyse annähern kann. Noch dazu nach eigener Wahl - jeder kann seinen Neigungen folgen oder welche entwickeln. Zweitens wird den Schülern das operative Know-how vermittelt, das jede wissenschaftliche Arbeit (von der Proseminararbeit bis zum Forschungsprojekt) erfordert. Dazu gehört das operative Vermögen - also das Entwickeln von Fragestellung, Argumentationsaufbau und Schlussfolgerungen. Dazu gehört aber auch das rein formale Wissen wie jenes um Zitierweisen oder Quellenangaben. Wie wir an die Universität kamen, hatten wir keine Ahnung von alle dem. Und nun werden schon 13- Jährige in sogenannten Vor-Vorwissenschaftlichen Arbeiten darin geschult.

Es ist dies eine unglaubliche kollektive Bildungsanstrengung, eine unglaubliche Anstrengung zur Hebung des Bildungsniveaus einer Gesellschaft. Aber an der Stelle kippt es. An der Stelle bricht meine Lanze. Denn die Gesellschaft beschränkt sich auf die Gymnasiasten. Damit geht die Schere zu den Nicht-Gymnasiasten noch weiter auf. Zugleich ist die Bildungsoffensive selbst dann doch wieder ambivalent. Wie man an den Beurteilungskriterien - an dem engen, kleinteiligen Raster in das die Lehrer dabei gezwängt werden - ersehen kann. Bildung wird hier nur instrumentell, als Mittel zum Zweck, als Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, als Normierung auf höherer Stufe, als Steigerung von Kompetenzen und Selbstdarstellung verstanden. Ironischerweise ist diese Ambivalenz dem Beurteilungsraster selbst eingeschrieben. Die Noten heißen "Erfüllungsgrade" und der höchste lautet: "weit über das geforderte Maß hinaus". Die Schüler erfüllen die Vorgaben also dann am besten, wenn sie weit über diese hinausgehen.

Ein aufgeweckter Maturant hat es auf den Punkt gebracht: "Zentral war kommunistisch, zentralisiert aber ist neoliberal."