Nicht alle können neuen Arbeitszeitnormen entsprechen

Außerdem können durch Lockerungen der Regelungen neue Arbeitszeitnormen entstehen, denen nicht alle entsprechen können. So werden ältere Arbeitnehmer und Mütter mit Betreuungspflichten im Zuge einer Ausweitung der Tagesarbeitszeit wohl noch stärkere Diskriminierung erfahren, weil ihnen zugeschrieben wird, diese Normen nicht zu erfüllen. All diese Zusammenhänge finden in den individuellen Wünschen der Beschäftigten kaum Berücksichtigung, wirken aber über unterschiedliche Transmissionsriemen wieder auf die Individuen zurück und sollten deshalb bei der Diskussion um flexiblere Arbeitszeiten Eingang finden.

Lässt man sich tatsächlich auf die Ausweitung der Tagesarbeitszeit ein, können einige Maßnahmen negative Folgen zumindest eindämmen. Um einer Personalverknappung entgegenzuwirken, ist es notwendig, dass lange (Tages-)Arbeitszeiten zuschlagspflichtig bleiben. Außerdem sollte Zeitausgleich mit Überstundenzuschlägen im Vergleich zu Überstundenauszahlung attraktiver gemacht werden. So würde Arbeitszeitflexibilisierung tatsächlich zu einer Arbeitszeitverkürzung führen, was angesichts der Arbeitsmarktlage dringend notwendig wäre. Darüber hinaus reduziert zeitnaher Zeitausgleich die negativen gesundheitlichen Folgen langer Arbeitszeiten.

Eine weitere Ungleichverteilung von Arbeitszeit zwischen Männern und Frauen zu verhindern, ist wohl die schwierigste Aufgabe. Dafür bedarf es wohl einerseits eines kulturellen Wandels, der Männer bezüglich unbezahlter Arbeit stärker in die Verantwortung nimmt, sowie eines Ausbaus von Kinderbetreuungsplätzen und eines entsprechenden gesetzlichen Rahmens. Positive Beispiele für eine günstige Arbeitszeitflexibilität sowohl für Unternehmer als auch für Beschäftigte bietet Skandinavien. Dort gelang es auch, die unbezahlte Arbeit zwischen den Geschlechtern einigermaßen gleich zu verteilen.

Ob Ähnliches in den aktuellen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, in denen wenig Bewusstsein für grundlegende arbeitszeitbezogene gesellschaftliche Zusammenhänge herrscht, möglich ist, bleibt fraglich. Insofern bleibt zu hoffen, dass arbeitszeitbezogene Reformen nicht zu Arbeitszeitmodellen führen, die bereits vor 130 Jahren überwunden wurden.