Replik auf den Gastkommentar "Der Wohlfahrtsstaat und die Vereine" von Armin Tschurtschenthaler (2. Februar):

Wir haben nicht zu hohe Sozialausgaben, nein wir haben immer noch zu niedrige. Der traditionelle, konservative Wohlfahrtstaat, wie er in Österreich zu finden ist, funktionierte nach dem Prinzip: Der Mann verdient das Geld, und die Familie (die Frau) übernimmt die Betreuungsaufgaben. Dieses Modell hat eigentlich ausgedient - oder müsste es eigentlich haben, wenn man die teilweise sogar gesetzlich festgeschriebene Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ernst nimmt.

Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Laut Arbeiterkammer-Studie werden 84 Prozent der pflegebedürftigen Österreicher daheim gepflegt. Traditionellerweise übernehmen das zu einem großen Teil Frauen (mehr als 70 Prozent). Neben der zahlenmäßigen Differenz zwischen den Geschlechtern gibt es auch einen Unterschied darin, wer gepflegt wird: Frauen pflegen mehr Angehörige als Partner, bei Männern ist es umgekehrt. In der Kinderbetreuung zeigt sich ein ähnliches Bild: Nicht einmal 20 Prozent der Väter gehen in Karenz.

Das macht deutlich, dass Frauen immer noch viel stärker Betreuungs- und Pflegeaufgaben im Privaten wahrnehmen. In beiden Fällen sorgen die staatlichen Regelungen dafür, dass es so bleibt. Leistbare (im Idealfall kostenlose) Kinderbetreuungseinrichtungen ab dem 1. Tag sind in Österreich ein Traumschloss, flächendeckende Kinderbetreuungseinrichtungen ab dem 3. Lebensjahr ebenfalls. Von einer 24/7-Kinderbetreuung wie in Skandinavien, die etwa auf Schichtarbeit Rücksicht nimmt, kann man hierzulande ebenfalls nur träumen. Frauen schaukeln teilweise immer noch eine Dreifachbelastung - zwei Aufgaben davon unbezahlt, eine häufig prekär. Und was ist der Dank dafür? Eine Pension unter der Armutsgrenze.

In soziale Dienste investieren


Investitionen in soziale Dienstleistungen haben sehr viele Vorteile: Sie entlasten, schaffen Jobs und werten Sozialberufe auf. In Skandinavien, wo der Anteil sozialer Dienstleistungen am höchsten ist, gibt es die höchste Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Beide profitieren gleichermaßen: Frauen haben besseren Berufschancen, Männer mehr Spielraum etwa in der Kinderbetreuung. Die Wirkung ist eindeutig: Mehr als 90 Prozent der Väter in Schweden gehen in Karenz.

Außerdem setzt man dort vermehrt auf "caring communities" - ein Konzept, bei dem es um Solidarität in der Gesellschaft geht und nicht um den Zwang der Familie. Es ist ein sozialraum-, quartiers- und gemeindeorientiertes Sorgemodell mit einem staatlich geförderten Mix aus professioneller und informeller Unterstützung. Ähnlich der mitunter auch sozialen Funktion der alten Wiener Hausbesorger werden professionelle Sozialarbeiter engagiert, Gemeinwesenarbeit zu organisieren und Brücken für ein solidarisches Miteinander freiwilliger Hilfe in der Nachbarschaft zu bauen. Solche Modelle gilt es auch in Österreich zu etablieren, damit die unbezahlte Arbeit nicht zu mehr als 70 Prozent von Frauen erledigt wird.

Zur Autorin

Kathrin Heis

ist stellvertretende Klubobfrau der Innsbrucker Grünen und schließt heuer das Masterstudium Soziale Arbeit, Sozialpolitik und Sozialmanagement ab.