In buchstäblich letzter Minute wurde ein Handelskrieg zwischen den USA und der EU verhindert oder zumindest aufgeschoben. Einen Tag vor dem Inkrafttreten der allgemeinen Einführzölle auf Aluminium (in Höhe von 10 Prozent) und Stahl (25 Prozent) setzten die USA diese für die Mitgliedsländer der EU sowie Australien, Argentinien und Brasilien zeitlich befristet aus. Mexiko, Kanada und Südkorea waren schon früher Ausnahmeregelungen zugesichert worden. Im Falle der EU läuft die zeitliche Befristung nun bis 1. Mai - was danach passieren wird, ist unklar.

Die kommenden Tage sollen laut Auskunft beider Seiten für Verhandlungen über die Beilegung handelsrechtlicher Streitfragen genützt werden. Ausgangspunkt für den Konflikt ist das US-Handelsdefizit gegenüber der EU, 2017 betrug dieses 151 Milliarden Dollar beziehungsweise etwa 0,8 Prozent des BIP der USA. Lediglich China erzielt gegenüber den USA einen höheren Handelsbilanzüberschuss (375 Milliarden Dollar).

US-Präsident Donald Trump möchte diese Defizite reduzieren und setzt Strafzölle als ökonomisches Druckmittel ein, um dieses Ziel zu erreichen. Einen ersten Erfolg konnte er schon verbuchen: Südkorea hat, im Gegenzug zu permanenten Ausnahmen im Aluminium- und Stahlsektor, einem neuen bilateralen Handelsabkommen mit den USA zugestimmt, das den Marktzugang für US-Unternehmen in Südkorea verbessert.

Auch mit der EU strebt Trump einen bilateralen "Sonderdeal" an. So hatte er vorab schon ein paar Themen ins Spiel gebracht, bei denen er die USA als benachteiligt ansieht. Das prominenteste Beispiel hierfür ist der Unterschied in den Importzöllen auf Autos zwischen den USA und der EU: Die EU erhebt im Schnitt Zölle in Höhe von 10 Prozent des Warenwerts, während der US-Einfuhrzoll nur 2,5 Prozent beträgt. Die USA wünschen sich darüber hinaus von ihren Nato-Partnern höher Militärausgaben, die vor allem für militärisches Gerät aus den USA ausgegeben werden sollten. Dies würde die US-Exporte nach Europa erhöhen und somit die Handelsbilanz aus Sicht der USA verbessern.

Langfristiger bilateraler Deal könnte (global) sinnvoll sein

Die USA und die EU sind die beiden größten Volkswirtschaften der Welt, produzieren in etwa die Hälfte der weltweiten Wertschöpfung (gemessen am BIP) und handeln miteinander täglich Waren im Wert von etwa 1,7 Milliarden Euro. Die USA und die EU haben aufgrund des Scheiterns der Verhandlungen über TTIP kein bilaterales Handelsabkommen und betreiben den Handel auf Basis der Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Die Meistbegünstigungsklausel bildet das Kernelement dieses Handelssystems. Demnach müssen alle anderen WTO-Mitgliedsländer den gleichen Zollsatz wie das meistbegünstigte WTO-Mitglied erhalten. Ausgenommen von dieser Regel sind Freihandelszonen und Zollunionen, die jedoch nach Vorgaben der WTO einzurichten sind. De facto sind aber etwa 40 bis 50 Prozent aller Waren, die zwischen den USA und der EU gehandelt werden, aufgrund des Meistbegünstigungszollsatz zollbefreit.