Vanessa Saraiva ist Expertin für Kinderschutz bei World Vision. - © World Vision
Vanessa Saraiva ist Expertin für Kinderschutz bei World Vision. - © World Vision

In jeder humanitären Krise sind immer die Kinder diejenigen, die am meisten gefährdet sind. Dies gilt ganz besonders für das größte Flüchtlingslager der Welt in Cox's Bazar, Bangladesch. Dort leben in Summe 886.000 Menschen aus Myanmar, mehr als 55 Prozent von ihnen sind Kinder.

Ich bin humanitäre Nothelferin bei World Vision mit Schwerpunkt Kinderschutz und habe mehrere Monate in den Lagern in Bangladesch gearbeitet. Meine Tage waren unglaublich anstrengend und voller Bilder, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Junge Mädchen erzählten mir von ihren Ängsten, überfallen zu werden, wenn sie nachts die unbeleuchteten Latrinen benutzen. Viele junge Mädchen und Frauen können oder wollen ihre Unterkünfte auch tagsüber nicht verlassen, weil sie Angst vor Belästigung oder Missbrauch haben. Ihre Ängste sind begründet: Entweder sie sind selbst bereits Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt geworden oder sie kennen Überlebende.

Auch Buben sind Gefahren ausgesetzt. Ich sah Jugendliche mit Schnitt- und Quetschwunden, manche ohne Schuhe, die vom Brennholzsammeln im Wald zurückgekommen sind. Die viel zu schweren Holzbündel tragen sie auf ihren Rücken und haben ständig Angst, sich im Wegelabyrinth der komplett überfüllten Lager zu verirren.

Schreckliche Gewalt gegen Kinder

Diese Kinder haben schreckliche Gewalt erleben müssen. Laut der Inter-Sector Coordination Group (ISCG) brauchen mehr als 200.000 psychosoziale Unterstützung. Neben den ständigen Ängsten sind sie auch gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Ohne ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen sind sie anfällig für Krankheiten wie Diphtherie und akuter Diarrhö. Viele leiden an Unterernährung; Tausende müssen Kinderarbeit verrichten. Und alle von ihnen werden einer ordentlichen Bildung beraubt.

Solche Gefahren und Bedrohungen sind für diese Kinder und ihre Familien nicht neu. Die internationale Gemeinschaft bezeichnet das Volk der Rohingya als eine der am meisten verfolgten Minderheiten der Welt. Ihre Rechte werden seit Jahrzehnten konsequent verletzt, was zu einem Massenexodus von 700.000 Menschen aus Myanmar seit August 2017 führte. Heute leben sie zwischen zwei Welten – in einer großen Ungewissheit. Ihnen werden Staatsbürgerschaft und Anerkennung zu Hause in Myanmar verweigert und sie werden auch in Bangladesch nicht offiziell als Flüchtlinge anerkannt.

Geburtenregistrierung ausgesetzt

Die Regierung von Bangladesch hat nie die Flüchtlingskonvention von 1951 unterzeichnet. Allerdings hat sie die UN-Kinderrechtskonvention (UNCRC) ratifiziert. Das bedeutet, dass alle Kinder in Bangladesch, unabhängig von ihrer Herkunft, die gleichen Rechte haben. Die Geburtenregistrierung für Flüchtlingskinder, die in den Lagern geboren werden – durchschnittlich 60 pro Tag – ist jedoch derzeit ausgesetzt. Einige sind aufgrund des rechtlichen Status oder der Herkunft ihrer Eltern ausgeschlossen (ein Verstoß gegen Artikel 7). Ohne persönliche Dokumente müssen diese Kinder ein Leben lang beweisen, wer sie sind. Wenn sie außerhalb der Lager verloren gehen oder getrennt werden, wird es schwierig sein, Familienzusammenführungen zu bewerkstelligen. Und ohne Dokumente sind sie leichte Beute für Menschenhändler oder werden vielleicht in illegale Kinderehen gedrängt. Um die Zukunft dieser Kinder zu schützen, muss die Geburtenregistrierung für die Kinder, die in den Lagern geboren werden, wieder aufgenommen werden. Dazu muss die Regierung aufgefordert werden.

Des Weiteren brauchen Kinder sofortigen Zugang zu Bildung. Schätzungsweise bekommen 530.000 Flüchtlingskinder im Alter von 3 bis 17 Jahren keine Schulbildung (ein Verstoß gegen Artikel 28 der UNCRC). Staatliche Restriktionen verhindern derzeit, dass den Flüchtlingen formelle oder informelle Bildungsprogramme angeboten werden. Das zeigt ein neuer Bericht des ISCG-Bildungssektors. Mädchen sehen sich zusätzlichen Hindernissen beim Zugang zu Bildung gegenüber, einschließlich kultureller und traditioneller Zwänge. Dabei besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen einem verbesserten Zugang zu Bildung und Kinderschutz. Und Kinder wollen zur Schule gehen. Das ist, was ich immer wieder gehört habe – von ihren Eltern und ihnen selbst. Und es muss forciert werden, denn: Bildung für vertriebene Kinder in Krisen ist der Schlüssel und macht einen lebenslangen Unterschied für genau diese Kinder.