Ausgewählte Daten

Aber natürlich gibt es nicht die einzige Wahrheit. Wir nähern uns immer einem ganz bestimmten Verstehenshorizont, wobei wir einzelne Daten beachten und andere eben nicht. Als Christ würde man meinen, nur Gott habe die totale Übersicht. Insofern sind alle unsere Geschichten natürlich eines: Geschichten, die eine Kombination von ausgewählten Daten sind und zu einem Gesamtzusammenhang verschmolzen werden. Aber sie sind sicher nicht eine fotografische Reproduktion der Wirklichkeit.

Wer nun aber glaubt, dass dadurch der Beliebigkeit und Relativität Tür und Tor geöffnet würde, der irrt. Natürlich wird die Geschichte der Menschen aus bestimmten Perspektiven geschrieben, die bestimmte ideologische Interessen ins Spiel bringen. Deshalb ist aber noch lange nicht alles erlaubt. Wesentlich ist das Quellenstudium, die nachvollziehbare Argumentation ist Pflicht. Viele verschiedene Standpunkte führen auch dazu, dass man abwägen muss, welche wahrhaftiger sind als andere. Doch dazu bedarf es eben auch Medienkompetenz und politischer Bildung. Darüber hinaus erfordern Standpunkte (um eigene Meinungen lancieren zu können) auch Belesenheit und nicht nur Obrigkeitsdenken.

Früher gab es auch nicht bessere Wahrheiten. Aber es war nicht so intensiv marktschreierisch. Heute erleben wir viel mehr (Teil-)Öffentlichkeiten, als wir sie jemals gehabt haben. Im Internet kursieren so viele Kleingruppen, die es früher in 100 Jahren nicht gegeben hätte. Das kann auch ein Vorteil sein. Gab es zu Zeiten des Kalten Krieges noch die Wahrheit der liberal-demokratischen Meistererzählung auf der einen Seite und die sozialistische gleiche und allumfassende Bevormundung durch das Zentralkomitee auf der anderen, so gibt es heute eben viel mehr Heilsbringer: Veganer, Fußball-Ultras, politisch Korrekte, Alternative Linke und Rechte und sonstige quasireligiöse Instanzen.

Gehirn benutzen

Soll die Gesellschaft nicht komplett auseinanderdriften, ohne gemeinsame Ziele, die zweifelsfrei neben vielen unterschiedlichen Meinungen vorhanden sein müssen, dann sollte man sich auch um deren Ausbildung hinsichtlich Persönlichkeitsentwicklung kümmern. Es ist ja schön und gut, wenn wir alle in unserem Bereich top gebildet sind, aber es gibt eben in einer Demokratie auch ein Fundament, und dieses sollte die Gesellschaft als Ganze umfassen und aus Gehirn-Besitzern eben auch Gehirn-Benutzer machen. Das bedeutet selbständige Wesen, die auch mit der Flut an Information umgehen können.