Zum Jahresende gehört der Rückblick wie das Amen im Gebet. Kaum schlägt man eine Zeitung auf, lacht einem irgendeine Jahresbilanz entgegen. Meist wird man darin stichwortartig an Ereignisse erinnert, die man aus gutem Grund vergessen hat. Die wirklich wichtigen Begebenheiten brauchen solche Chroniken ohnehin nicht. Die Irritationen einer Zeit, die politischen Verwerfungen und Verirrungen lassen sich auf diese buchhalterische Art nicht bezwingen. Aus unerfindlichen Gründen sind auch Listen der vermeintlich besten Bücher eines Jahres beliebt, oder die Hitparade der besten Musikalben oder die Top ten Theaterstücke eines Jahres. Als ob ein 12-Monats-Ranking irgendetwas über kulturelle Hervorbringungen auszusagen vermag.

Nicht minder fragwürdig können fallweise auch persönliche Rückblicke ausfallen. Im Internet finden sich sogar Anleitungen, mit zehn wichtigen Fragen, die man sich zu stellen habe, darunter diese: "Welches Ereignis hat dieses Jahr mein Leben verändert?" Wenn es so weit ist, dass man darüber erst extra nachgrübeln muss, kann man das Erinnerungsvermögen gleich voll und ganz auf den Algorithmus auslagern. Der Online-Musikdienst Spotify liefert pünktlich einen Jahresrückblick, in dem sich verlässlich jene Lieder finden, die man das Jahr über am meisten gehört hat. Die unbeholfenen Fotorückblicke am Smartphone lassen einen auch nicht im Stich. Ganz zu schweigen vom "persönlichen" Facebook-Jahresrückblick. Dann schon lieber: Nie mehr Jahresrückblicke!