Kein Festivalstart in Cannes ohne Streiterei. In diesem Jahr geht es um einen Nationalheiligen des französischen Films: Alain Delon. Ihm soll die Goldene Palme für sein Lebenswerk zuerkannt werden. Eine plausible Entscheidung im Alter von 83 Jahren. Vor allem in den USA regt sich dagegen Widerstand, die Organisation "Women and Hollywood" will eine Petition starten, die diese Ehrung verhindern soll. Die Begründung: Delon zeigt unverhohlene Sympathien für Jean-Marie Le Pen und seine rechte Partei "Front National" (die mittlerweile von seiner Tochter umbenannt wurde). Und er habe sich wiederholt sexistisch und homophob geäußert. So weit, so ein Deja-vu-Erlebnis im üblichen Kreislauf der Political-Correctness-Erregung. Festivaldirektor Thierry Frémaux hat sich am Donnerstag Abend recht pointiert zur Auswahl seiner Ehrenpalme bekannt: "Alain Delon hat das Recht, privat zu denken, was er will, Meinungen zu haben, die ich nicht teile. Wir überreichen ihm hier nicht den Friedensnobelpreis, sondern wollen ihn für seine Leistungen in der Filmgeschichte ehren."

Klare Worte in einer "Ächtungs"-Debatte, die zuletzt immer wieder entstanden ist, wo ein Künstler sich moralisch nicht nach dem geltenden Kanon verhalten hat. Das mag durchaus berechtigt sein, wenn es sich um strafrechtlich relevante Verfehlungen handelt. Wenn es freilich nur um politische Ansichten geht, läuft dieser neue Trend Gefahr, irgendwann zu Meinungszensur und Willkür-Mobbing gegen "unsympathische" Künstler zu werden.