"Elf Freunde müsst ihr sein" - das Zitat ist ebenso wohlbekannt wie naiv in Zeiten des durchprofessionalisierten Fußballs. Und bedenkt man, dass eine Mannschaft nicht aus elf, sondern mindestens einem Dutzend mehr Kaderspielern besteht, die als Profisportler stets als Grenzgänger zwischen den Polen Mannschaftsgeist und gesundem Egoismus wandeln (müssen), wird es umso schwieriger umzusetzen.

Ein gutes Beispiel Kapfenberg-versus-Simmeringscher Brutalität liefert aktuell das Fernduell der Torhüter Marc-André ter Stegen und Manuel Neuer, die beide die Nummer-eins-Position im DFB-Team von Joachim Löw für sich beanspruchen. Für den 27-jährigen Barcelona-Goalie ter Stegen ist es "unerklärlich" und "ein schwerer Schlag", dass er noch so starke Leistungen bieten und sich dabei immer noch hinter dem um sechs Jahre älteren Neuer anstellen kann; dieser wiederum wirft seinem Konkurrenten "mannschaftsschädliches Verhalten" vor - woraufhin Ersterer meint, Neuer sei nicht befugt, über seine Gefühle zu sprechen. Fußball sei halt auch "Leid, Freude, Enttäuschung". Die verbale Schlammschlacht weckt Erinnerungen an die "T-Frage" zwischen Jens Lehmann und Oliver Kahn, die Deutschland einst ähnlich entzweite wie die Berliner Mauer und beinahe zu einem Kampf der Ideologien geriet - hätte, ja hätte es nicht 2006 diese Szene vor dem Elfmeterschießen im WM-Viertelfinale gegen Argentinien gegeben: Kahn läuft auf Lehmann zu, der zu den Heim-Titelkämpfen etwas überraschend den Vorzug bekommen hatte, umarmt ihn und wünscht dem einst verhassten Rivalen viel Glück. "Das ist jetzt dein Ding", soll er zu Lehmann gesagt haben, wie dieser später in seiner Autobiographie schreibt. Der Schummelzettel, auf den Tormanntrainer Andy Koepke die Namen und bevorzugten Schusswinkel potenzieller argentinischer Schützen geschrieben hatte, wird zum Symbol für den Erfolg bei der Heim-WM und die Versöhnung; später wird er um eine Million Euro zugunsten der Stiftung "Ein Herz für Kinder" versteigert.

Ter Stegen hat also recht: Gerade im durchprofessionalisierten Fußball geht es auch um große Gefühle - und darum, sie richtig zu kanalisieren. Wer das letztlich nicht schafft, wird die T-Frage selbst entscheiden. Und zwar nicht zu seinen Gunsten.