Mit Italien trifft Österreich ausgerechnet auf jene Mannschaft, welche im bisherigen Turnierverlauf am meisten überzeugen konnte. Alle Statistiken sprechen klar für die Squadra Azzurra: 30 Spiele in Serie ungeschlagen. 1055 Minuten ohne Gegentor.

Der Autor ist Fußballtrainer und Spielanalyst.
Der Autor ist Fußballtrainer und Spielanalyst.

Wahrscheinlich ist eine Überraschung nicht, möglich ist sie natürlich dennoch. Es sind nicht die großen Superstars, welche die italienische Nationalmannschaft zu bieten hat. Auch wenn sehr talentierte Spieler wie Nicolò Barella nachrücken, so kann Teamchef Roberto Mancini noch lange kein Starensemble wie in vergangenen Zeiten aufbieten. Die großen Stars des Turniers spielen für Portugal, Frankreich oder Belgien. Dafür verfügt Mancini allerdings über ein funktionierendes Kollektiv auf sehr hohem Niveau.

Es ist ein offensiver, attraktiver Fußball, mit dem Italien in der Gruppenphase die Zuschauer begeisterte. Teamchef Mancini setzt auf eine 4-3-3-Grundformation, welche allerdings nur im Spiel bei gegnerischem Ballbesitz so zu sehen ist. Italien presst hoch, gibt den Gegnern aber auch immer wieder Möglichkeiten für Spielverlagerungen. Diese muss Österreich nutzen, um selbst mit dem Ball aktiv sein zu können und zu Ruhephasen zu kommen. Die Italiener verteidigen ihr Tor mit enormen Konsequenz, sind aber in der Innenverteidigung auch anfällig für schnelle, wendige Gegenspieler.

In Ballbesitz wird das 4-3-3 dann zumeist zu einem 3-2-4-1. Denn der linke Außenverteidiger Leonardo Spinazzola spielt wie ein offensiver Flügel, sein Pendant auf der rechten Seite, Alessandro Florenzi, bildet hingegen mit den Innenverteidigern einen Dreieraufbau. Herzstück im Ballbesitzspiel sind die Kombinationen auf der linken Angriffsseite. Problematisch für Österreich: Marco Verratti ist nach seiner Verletzung wieder zurück, und konnte gegen Wales schon mal locker in das Turnier starten. Er ist nicht nur der beste Fußballer Italiens, sondern im System von Mancini von zentraler Bedeutung. Auf der linken Seite reißt er das Spiel an sich und kombiniert sehenswert im Zusammenspiel mit Spinazzola und Lorenzo Insigne. Auch mit Verrattis Ersatzmann Manuel Locatelli funktionierte dies sehr gut.

Diese Kombinationen werden für Österreich nur schwer dauerhaft zu stoppen sein. Gelingt Italien auf der linken Seite kein Durchkommen, dann wird auf rechts verlagert, um Domenico Berardi in Eins-gegen-Eins-Situationen zu bringen. Die größte Schwachstelle im so sicheren Ballbesitzspiel ist der Tormann. Gianluigi Donnarumma ist äußerst bemüht im Spielaufbau und verfügt über keine schlechte Technik. Doch er trifft häufig schlechte Entscheidungen und bringt seine Mitspieler in sehr risikoreiche Situationen. Auch Giorgio Chiellini ist unter Druck fehleranfällig. Österreich sollte versuchen, diese Fehler zu erzwingen und zu Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte zu kommen. Tief verteidigen und auf Konter spielen erwies sich gegen Italien hingegen als wenig erfolgreich, speziell auch, weil die Mannschaft herausragend darin ist, jeden Konter schon im Keim zu ersticken. Der Weg zum Erfolg führt daher über die gleiche mutige Ausrichtung wie gegen die Ukraine, wo das hohe Pressing bestens funktionierte.