Erst zum zweiten Mal in der Geschichte des Filmfestivals von Cannes hat den Hauptpreis eine Frau gewonnen: Die Französin Julia Ducournau, 37 Jahre jung und Abgängerin der berühmten Pariser Filmschule "La Fémis", nahm für ihren zweiten Langfilm "Titane" die Goldene Palme von Jury-Präsident Spike Lee entgegen und rang sichtlich um Fassung. Normalerweise ist jeder Prämierte sprachlos, handelt es sich beim Filmfestival von Cannes doch um das weltweit wichtigste seiner Art; aber Ducournau war doppelt sprachlos, weil sie als Frau diesen Preis gewann. Als Frau? Wie geht denn so was? Das hat vor ihr nur eine gewisse Jane Campion geschafft, 1993, für "Das Piano". Es muss doch, bitteschön, ein Irrtum vorliegen!

Was sagt uns diese Geschichte über den Kulturbetrieb? Sagt sie, dass Frauen grundsätzlich froh sein können, wenn alte, weiße Männer sie einmal in 30 Jahren zum Futtertrog lassen? Ist der Film, den Ducournau gedreht hat, so außergewöhnlich gut? Oder heißt das, dass die Regisseurin einen "Frauenbonus" hatte, weil das jetzt en vogue ist? Da die Geschichte lehrt, dass solche Preise für Frauen leider immer die Ausnahme waren, ist nur vorsichtiger Optimismus angebracht. Immerhin waren vier Filme von Frauen im Wettbewerb; damals, bei Jane Campion, waren es nur zwei. Und Campion musste sich die Palme auch noch teilen: mit Chen Kaige, der für "Lebewohl, meine Konkubine" ausgezeichnet wurde. Ducournau gehört die Palme ganz alleine. Wenn das kein Fortschritt ist.