Am Samstag jähren sich die Terroranschläge auf New York City und Washington D.C. zum 20. Mal. Zum Zeitpunkt der Gedenkfeiern wird sich offiziell kein einziger amerikanischer Soldat mehr in dem Land befinden, in dem die sie erdacht und vorbereitet wurden. Seit dem Abzug der US-Streitkräfte und der ihrer westlichen Verbündeten feiert in deren jeweiligen Heimatländern derweil jene Klasse Festspiele in den Medien, die man in Amerika "Eggheads" nennt: Geopolitische Analysten, in der Regel Politikwissenschafter oder mit artverwandtem akademischem Hintergrund, die wahlweise an mehr oder weniger renommierten Universitäten oder für Think Tanks arbeiten und deren Ratschläge die westlichen politischen Eliten in der Vergangenheit wie in der Gegenwart dankbar annehmen.

Derart hofiert, tun sie heute folgerichtig, was sie am besten können: unter dem Eindruck des chaotisch anmutenden, aber angesichts aller anderen möglichen Optionen in Wahrheit effektiven Abzugs ausgiebig darüber schwadronieren, was die USA alles falsch gemacht haben, durchsetzt von all den vermeintlich richtigen Phrasen (Friedhof der Weltmächte! Totalversagen des Krisenmanagements! Schwächung der Vormachtstellung!) und von so hanebüchenen wie wahrscheinlich gerade deshalb von Fernsehmoderatoren und Journalisten von Prag bis Los Angeles dankbar aufgegriffenen Vergleichen (Zweites Vietnam! Zweites Iran! Zweites Somalia!). Was diese Leute, abgesehen von ihrem allzu offensichtlichen Geltungsbedürfnis, in der Regel praktisch ohne Ausnahme gemeinsam haben: Wie diejenigen, die sie beraten und die, die sich von ihnen die Welt erklären lassen, war von ihnen keiner jemals in Farah, Lashkargah, Ghasni oder Jalalabad; mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit waren sie auch nie in Orten wie Kohat, Mardan oder Bannu.

Erste sind die Namen von Provinzstädten in Afghanistan, deren Namen nicht nur deshalb kein einziger von ihnen je in den Mund nimmt, weil sie ihnen bis heute irrelevant erscheinen. Letztere sind die von Kleinstädten, die heute in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa in Pakistan liegen und für die die Grenze zwischen den Staaten aufgrund gemeinsamer ethnischer und/oder Klan- und Stammeszugehörigkeiten noch nie existierte und die seit den Achtzigerjahren die Rückzugs- wie Rekrutierungsgebiete der Vorläufer der Taliban bilden. (Khyber Pakhtunkhwa hieß zum Zeitpunkt von 9/11 noch Northwestern Frontier Province, ein Erbe der britischen Kolonialherrschaft, das erst 2010 getilgt wurde.) Im Gegensatz zur westlichen Medien-Armee von retrospektiven Besserwissern hätte mutmaßlich jeder, der irgendwann zwischen Ende 2001 und 2020 Zeit in oder am Land zwischen diesen Orten verbracht hat (oder weiter südlich, bis hinunter ins tiefste Baluchistan), prophezeien können, dass die Taliban ab dem Zeitpunkt leichtes Spiel haben würden, ab dem die USA mit ihrem Rückzug ernst machen. Was die Tragik nicht mindert: So unbestritten die so zahlreichen wie teils schwerwiegenden, vor allem in den ersten vier, fünf Jahren nach der Invasion gemachten Fehler der USA und ihrer Verbündeten waren, fielen ihre politischen Eliten am Ende den gleichen Ratgebern zum Opfer, die sich heute zu den großen Welterklärern aufschwingen und dafür auch noch mit Einladungen in Talkshows, Nachrichtensendungen und Podiumsdiskussionen belohnt werden.

Im Gegensatz zu den Politikern bestraft sie freilich keiner für genau den gleichen Kardinalfehler: bis heute alles nur aus einer rein westlichen Perspektive zu betrachten und entsprechend unhinterfragt einzuordnen. Paradigmatisch für den absoluten Realitätsverlust westlichen Analystentums steht ein diese Woche veröffentlichter Brief von Afghanistans Ex-Präsident Ashraf Ghani, einem US-Bürger, der fast sein ganzes Berufsleben außerhalb des Landes verbrachte (großteils, quasi natürlich, als Uniprofessor) und der nur deshalb wieder einen afghanischen Pass annahm, um fürs höchste Amt kandidieren zu können. Wie sich jetzt weist, konnte selbst das erzwungene Exil dem Größenwahn des Ex-Staatsoberhaupts nichts anhaben. Im Brustton der Überzeugung faselt der ehemalige Weltbank-Mitarbeiter, der dank seiner exzellenten Verbindungen in den politischen Salons von New York und Washington sogar einmal als UNO-Generalsekretär im Gespräch war (was seinerzeit auch dank Biden verhindert wurde, dem Ghanis allseits bekannte, an pathologische grenzende Arroganz schon damals zuwider war), von einem "Blutbad" daher, dass er mit dem Verlassen des Präsidentenpalasts angeblich verhindert hätte.

Die Wahrheit ist, dass die Hauptstadtbewohner für Herrn Ghani und seine Administration höchstwahrscheinlich keinen Finger gerührt hätten, selbst wenn er mutig genug gewesen wäre, im Präsidentenpalast auszuharren. Belesen sein ist nie ein Fehler, aber es genügt eben nicht, um einen klassischen "Rentier State" auf Vordermann zu bringen, dessen Regierung fast zur Gänze am Tropf des Westens hing und deren Einflussbereich sich fast nur auf die Hauptstadt beschränkte. In den Provinzen regierten die von den USA mangels Alternativen aufgepoppten Warlords und Stammesfürsten, die immerhin für eine gewisse Stabilität sorgten. Sobald sich die Amerikaner aber vertschüssten, machten die meisten von ihnen lediglich das, was sie nicht erst seit Jahrzehnten, sondern seit Jahrhunderten machen: Sie wechselten die Seiten – und viele, wahrscheinlich sogar die meisten Leute am Land danken es ihnen, weil sie endlich einfach nur in Frieden leben wollen.

Zermürbt vom langen Krieg sehen sie die Taliban diesbezüglich nicht als Heilsbringer, aber angesichts der Verheerungen der letzten 20 Jahre definitiv als das kleinere Übel. Dementsprechend waren die Bilder vom Flughafen von Kabul, so tragisch sie auch waren, in gewisser Weise irreführend: Während sich dort ein paar verzweifelte Hauptstadtbewohner an Flugzeuge klammerten, herrschte im Rest des Landes – ja sogar in der Stadt selbst – weitgehend Ruhe.

Auch wenn die Hoffnung lebt, dass das Pflänzchen an Individualrechten, die die westliche Präsenz am Hindukusch gesät hat, von den neuen Machthabern nicht umgehend zertreten wird: Am Ende ist der Westen nicht an Afghanistan gescheitert, sondern an seiner Unfähigkeit, Afghanistan als Ganzes so zu akzeptieren, wie es ist. So bitter es für Menschenrechts- und insbesondere Frauenrechts-bewegte Beobachter auch sein mag, das zu akzeptieren.