Es gehört viel Mut dazu, sich in Chinas staatlich kontrolliertem Social-Media-Kanal Weibo mit Echtnamen einzuloggen und dem ehemaligen Vize-Premier Zhang Gaoli - auch nicht gerade einer der niedrigsten KP-Kader - die Stirn zu bieten. Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai hat das gewagt und dem Politiker öffentlich sexuellen Missbrauch vorgeworfen. So schnell konnte die 35-Jährige gar nicht schauen, da war ihr Posting gelöscht - und ihre Freiheit gleich mit. Shuai verschwand von der Bildfläche.

Erst als der Welt-Tennisverband, das Internationale Olympische Komitee und prominente Sportler nachfragten, war Peking zu einer Reaktion gezwungen und lud IOC-Boss Thomas Bach ein, sich mit Shuai per Videotelefon eine halbe Stunde lang zu unterhalten. Dabei ließ der Tennisstar Bach und die übrige Welt wissen, dass sie "in Sicherheit" sei, "in ihrem Haus in Peking" lebe und ihre Zeit "mit Freunden und Familie" verbringe. Man möge sie daher, fügte sie hinzu, nicht weiter in ihrer "Privatsphäre" stören.

Ob die Athletin ihre Worte selbst frei gewählt hat oder sie ihr nur in den Mund gelegt wurden, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen. Tatsächlich klingen sie aber für jemanden, der Opfer sexuellen Missbrauchs geworden ist und dieses Unrecht kurz zuvor noch offen angeprangert hat, wenig überzeugend. Bach muss diesen Konflikt gespürt haben. Dass er Peng nun zu einem Abendessen eingeladen hat, war eine noble Geste, es ändert aber nichts an den Zuständen, unter welchen Chinas Frauen oft leiden müssen.

Der IOC-Präsident hätte jetzt, so kurz vor den Winterspielen in Peking, mehr Mut zeigen können.