Dass sich etwas zusammenbraut, hat Carmen Valica schon vorher gespürt. "Ich erwarte einen Anruf aus Bukarest", erzählte sie mir, als wir in einem Schanigarten zusammensaßen. Ich hatte sie erst vor wenigen Wochen in Brüssel kennengelernt, wo sie seit Monaten als Korrespondentin für das rumänische Radio tätig war. Wir machten gemeinsame Pläne für das Wochenende.

Zwei Tage später war Carmen verschwunden. Ihr Telefon blieb ausgeschaltet. Wieder ein paar Tage danach berichtete mir ein rumänischer Kollege, was passiert ist.

Den Anruf aus Bukarest hat Carmen am Abend erhalten. Ihr Flieger dorthin zurück gehe am nächsten Morgen, teilte ihr das Radio mit. Ihr blieben nicht einmal zwanzig Stunden.

In Rumänien hatte einige Wochen zuvor die Regierung gewechselt. Die Sozialisten sind an die Macht gekommen und lösten mit Gesetzesänderungen im Eilverfahren internationale Kritik aus. Die EU-Kommission äußerte ihre Sorge darüber, ob die Rechtsstaatlichkeit im jungen Mitgliedsland in Gefahr sei. Und Carmen Valica ist in ihrer Heimat zu einer Berühmtheit gelangt, die sie sich weder wünschen noch zuvor überhaupt vorstellen konnte.

Sie wurde nämlich des Agententums bezichtigt. Es begann mit dem Fernsehauftritt eines sozialdemokratischen Senators, der kurz auch Sprecher der nunmehrigen Regierungspartei war, bevor er das Amt nach der Leugnung eines Holocausts in Rumänien niederlegen musste. Dan Sova also behauptete in einer Talkshow, dass die EU-Kommission erst von außen darauf gebracht werden musste, Kritik an der neuen Regierung in Bukarest zu üben. Durch eine "Desinformation" der Brüsseler Korrespondentin des Radios bekam die Behörde einen falschen Eindruck. Eine rumänische Boulevardzeitung griff die Geschichte begierig auf. Carmen Valica stand auf einmal als eine staatsfeindliche Agentin möglicherweise des gegnerischen politischen Lagers da, die in dessen Auftrag ihr Land schlechtmache. Mit ähnlichen Vorwürfen waren übrigens auch ein paar andere Journalisten konfrontiert, die für ausländische Medien arbeiten.

Tatsächlich hatte Carmen mit der Kommission gesprochen, was ja Teil ihres Jobs ist. Doch erfolgte die Nachfrage erst nachdem Justizkommissarin Viviane Reding sich besorgt gezeigt hatte über Versuche zur Einschränkung der Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts. Senator Sova aber hat die Ereignisse zeitlich versetzt und blieb bei seiner Behauptung, ohne Beweise dafür vorlegen zu können.

Nun hätte ja der Radiosender auf den Plan treten können, seine Mitarbeiterin in Schutz nehmen, auf die Freiheit und Unabhängigkeit der Medien pochen. Doch da es sich um den öffentlichen Rundfunk handelt, waren schon - wie in etlichen anderen Ländern nach einem Machtwechsel - personelle Änderungen in Gang und herrschte Unsicherheit. Es gab keinen empörten Aufschrei; stattdessen wurde Carmen in die Redaktion zurückbeordert. Es war eine Nichtregierungsorganisation, die eine Pressekonferenz ansetzte, wo Valica sich zur Wehr setzen konnte. Ob ich sie in Brüssel wiedersehen werde, ist ungewiss.