Alexander U. Mathé
Alexander U. Mathé

Edward Loure ist ein Massai-Anführer und hat für seine Volksgruppe etwas Außerordentliches geschafft: Er hat ihr und den kommenden Generationen mehr als 800 km2 Land gesichert. Seit zahllosen Generationen haben Loures Vorfahren auf dem Gebiet des heutigen Tansania in Einklang mit der Natur gelebt. Die halbnomadischen Stämme trieben ihre Viehherden saisonabhängig durch die Ebenen und achteten darauf, dass nicht zuviel gegrast wurde. Dadurch entstand ein ausgeglichenes Ökosystem, das auch den anderen Tieren, mit denen sie das Gebiet und die Ressourcen teilten - wie Elefanten, Zebras, Löwen und Gazellen - ein gutes Überleben sicherte. Doch mit der Kolonialisierung hat sich das geändert. Fremde beanspruchten auf einmal das Land, auf dem sie seit Jahrtausenden gelebt haben. Auch später hat sich die Situation nicht wesentlich gebessert. Ab den 1950er Jahren wurden Nationalparks geschaffen und Loures Familie gemeinsam mit tausenden anderen Autochthonen von ihrem Land vertrieben. Die Massai verloren ihren Zugang zum wertvollen Wasser während der Trockenzeit und zu Weideflächen. Stattdessen wurden Land und -konzessionen an Unternehmer vergeben, die dort Edelresorts für jagd- und safarihungrige Touristen bauten. Die wiederum sollen - so das Kalkül - die Geldmaschinerie für das Land anwerfen. Als Nebeneffekt wurde die Fauna in dem Gebiet gefährdet, da auf einmal Migrationsrouten von Wildtieren zerstört wurden. Auch Landbesetzer machten sich breit, die illegal begannen, intensive Landwirtschaft zu betreiben. Eines der Hauptprobleme der autochthonen Bevölkerung war, dass sie über keine offizielle Dokumentation ihrer Rechte auf Grund und Boden verfügte. Edward Loure, der Wirtschaft und Verwaltung studiert hat, suchte nach einer Lösung und wurde, in Zusammenarbeit mit seiner NGO Ujamaa Community Resource Team, fündig. Der Mann in seinen 40ern verfiel auf einen innovativen juristischen Mechanismus namens Certificates of Customary Right of Occupancy (Zertifikate für Besitz auf Basis von Gewohnheitsrecht). Anstatt Landrechte an einzelne zu übertragen, wurden diese einer ganzen Gemeinschaft (beispielsweise einem Dorf) übertragen. Dies ist für Loure - der für sein Engagement den Goldman-Preis, eine Art Nobelpreis für Umweltschutz, erhielt - der Schlüssel, um Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren sowie mit Safariunternehmen und multinationalen Konzernen zu reduzieren, die sich bisher mehr oder weniger ungehindert Land unter den Nagel reißen konnten. Und die 800 km2 dürften erst der Anfang sein. Schon bald sollen weitere 3000 km2 folgen, die den Massai, aber auch anderen Völkern wie den Hadza und ihren kommenden Generationen ihre Landrechte sichern.