Alexander U. Mathé
Alexander U. Mathé

Sophia bedankt sich. Sie schlägt die Augen nieder und erklärt, was für eine große Ehre es für sie ist, die Staatsbürgerschaft Saudi-Arabiens erhalten zu haben. Am Ende lächelt sie und im Konferenzsaal in Riad stellt sich tosender Applaus ein. Was diesen Moment vor einem Monat so besonders gemacht hat, ist, dass Sophia ein Roboter ist. Die Maschine aus Hongkong hat ein sehr menschliches Aussehen mit feinen weiblichen Zügen und ist - zumindest laut Hersteller - in Besitz künstlicher Intelligenz. Schon seit längerem sorgt sie mit Interviews für Schlagzeilen in der Welt der Technik. Sogar mit UN-Vizegeneralsekretärin Amina J. Mohammed hat sie sich schon unterhalten. Nun ist Sophia der erste Roboter, der im Besitz einer Staatsbürgerschaft ist. Damit hebt sie Saudi-Arabien auf eine Stufe mit Menschen. Diese Überlegung gibt dem, was ganz offensichtlich ein Publicity-Gag ist, einen bitteren Beigeschmack. Da wäre einmal das Verständnis Saudi-Arabiens, was den Umgang mit einem der Fundamente des Staatswesens betrifft. Die Staatsbürgerschaft geht mit grundlegenden Rechten und Pflichten einher und wurde nun auf eine Werbeaktion reduziert. Grundsätzlich ist Saudi-Arabien zudem nicht wirklich bekannt dafür, Staatsbürgerschaften leichtfertig auszugeben. So mancher Gastarbeiter hat fast sein ganzes Leben unter unwürdigen Bedingungen in Saudi-Arabien zugebracht und bis heute nicht die Staatsbürgerschaft. Aber nicht nur hier erhält die Maschine aus Hongkong, die mit Saudi-Arabien lediglich peripher zu tun hat, eine bevorzugte Behandlung. Als Frau konzipiert hat sie offensichtlich schon einige Rechte mehr als ihre menschlichen Mitbürgerinnen. So verzichtet sie beispielsweise auf die Vollverschleierung und hatte auch nicht den vorgeschriebenen männlichen Begleiter an ihrer Seite und das, ohne dass sich daraus rechtliche Konsequenzen wie Auspeitschen ergeben hätten. (Nicht, dass ihr das etwas ausgemacht hätte.) Abseits solcher Implikationen ist auch zweifelhaft, dass das primäre Ziel dieser Aktion erreicht wird, nämlich Saudi-Arabien als Ort der weltweiten technologischen Entwicklung und Investmentionen zu etablieren. Denn die vorherrschenden Bedingungen sind kaum geeignet Kapital, Wissen oder Menschen anzulocken. Das britische Magazin "Economist" publizierte 2012 ein Demokratie-Rating mit Saudiarabien an 163. von 167 Stellen. Der Umgang mit Menschenrechten macht das Land nicht wirklich attraktiv. Die Todesstrafe gibt es hier auch für Jugendliche und für Vergehen wie Hexerei und Homosexualität. Glaubensfreiheit gibt es ebenso wenig wie Meinungsfreiheit. Immerhin hat Kronprinz Mohammed bin Salman angekündigt, das Land in Zukunft zu einem moderaten Islam führen zu wollen, und Frauen ab 2018 das Autofahren erlaubt. Frei nach Konfuzius: "Auch die längste Reise beginnt mit einem ersten Schritt."