Die Protestbewegung hat sich nicht für die EU oder gegen Russland gerichtet, sondern dagegen, dass die Ukraine zu einem Land wie Russland wird. In Russland ist die Freiheit der Menschen sehr eingeschränkt. Aber ich möchte in einem freien Land leben. Seit der Revolution hat es sehr wohl Veränderungen gegeben. Vielleicht nicht in der umfassenden Form, wie wir es uns vielleicht wünschen würden, aber es gibt sie. Es kann nun mal nicht alles an einem Tag verändert werden. Die Bildung ist besser und transparenter geworden. Die Behörden reagieren jetzt auf Beschwerden der Bürger. Die Menschen fordern jetzt mehr vom Staat ein. Das ist wohl das größte Verdienst des Maidan. Zugleich hat der Maidan mit dem Krieg im Donbass eine neue Ebene erreicht. Mein Bruder und mein Vater sind als Freiwillige in den Krieg gezogen.

Ehrlich gesagt, meide ich heute den Maidan. Wenn ich im Kiewer Stadtzentrum bin, versuche ich, den Platz zu umfahren. Es ist immer noch so schwer für mich. Zwei meiner Freunde sind hier umgekommen. Ich habe selbst viele Psychotherapien besucht, aber die ukrainischen Psychologen sind nicht für derartige Situationen geschult. Deswegen versuche ich neben meinem regulären Job als Künstlerin im Nationalen Museum für ukrainische Geschichte auch noch, Soldaten und Menschen, die am Maidan waren und posttraumatische Belastungsstörungen haben, mit Kunsttherapien zu unterstützen.

Wladyslaw Samoylenko (28), Projektmanager

Es war der größte Verdienst der Revolution, dass wir gegen die russische Unterwerfung aufgestanden sind. Jetzt sind wir auf dem Weg, wirklich unabhängig zu werden. Auf dem Papier ist die Ukraine zwar schon 1991 unabhängig geworden, aber wir stecken immer noch in einer schwierigen Transformationsphase. Bis 2014 hingen einfach viele politische Entscheidungen direkt vom Kreml ab.

In unserem Parlament sitzen heute noch immer nicht die allerbesten Leute, aber mit der Unterstützung der EU, der USA, Kanada und vielen anderen Ländern ist es uns gelungen, Druck auf den Präsidenten, das Parlament und die Regierung auszuüben und Reformen anzustoßen. Ich glaube an die Zukunft der Ukraine in Europa und der zivilisierten Welt. Am Anfang habe ich auf dem Maidan geholfen, Essen und Medikamente zu verteilen. Manchmal habe ich auch dort übernachtet. Mich hat diese Atmosphäre der Freiheit, des Vertrauens und der Hilfsbereitschaft fasziniert. In den schwersten Tagen, als wir angegriffen wurden - zuerst mit Wasserwerfern, später dann mit Schusswaffen - hatten wir natürlich Angst, aber wir waren überzeugt, dass wir für die richtige Sache einstehen und nicht aufgeben dürfen. Und dass wir siegen werden. Es klingt vielleicht seltsam, aber für viele war es wohl schwerer, die Ereignisse im Fernseher zu sehen, als selbst vor Ort zu sein, als die Polizisten einzelne Aktivisten getötet und geschlagen haben. Am Ende habe ich auch nicht mehr Essen und Medikamente verteilt, sondern Autoreifen. Und ich habe geholfen, die Verletzten abzutransportieren.

Nach dem Maidan haben sich viele junge Aktivisten weiter politisch engagiert. Ich habe begonnen, in der Kiewer Stadtadministration für die städtische Investitionsagentur zu arbeiten. Zuerst als Jurist, dann als Projektmanager. Seit 2017 arbeite ich für ein Kommunikationsprojekt über die Zusammenarbeit zwischen der EU und der Ukraine. Andere wiederum sind in die Ostukraine gegangen, um gegen die russischen Soldaten und die prorussischen Separatisten zu kämpfen.

Bis zu einem besseren Leben und Wohlstand ist es noch ein weiter Weg. Aber das Land und die Gesellschaft verändern sich. Die Menschen sind sich darüber klar geworden, dass sie selbst für ihr Leben verantwortlich sind und nicht darauf hoffen können, dass sich der Staat um alles kümmert. Viele haben verstanden, wie wichtig es ist, aktiv zu sein und eine eigene kritische Position zu vertreten. Sie werden sich vielleicht wundern, aber die Mehrheit dieser einfachen, grundlegenden Dinge hat es vor dem Maidan nicht gegeben. Ich haben nie bereut, dass ich Teil dieser historischen Ereignisse gewesen bin. Der Maidan hat uns die Augen geöffnet, damit wir verantwortungsvolle Bürger werden.