Budapest. Der weißhaarige Dénes Lajos Nagy hält vor dem altehrwürdigen Gebäude der Budapester Akademie der Wissenschaften ein Buch mit sperrigem Titel in die Höhe: "Mößbauer Spektroskopie gefrorener Lösungen", steht in englischer Sprache. Der heute noch aktive 74-jährige Kernphysiker hat das Werk 1990 zusammen mit seinem Kollegen Attila Vértes im Verlag der Akademie veröffentlicht. Doch nun droht diesem Verlag ebenso wie der Akademie das Aus. Dagegen protestiert Nagy mit Gleichgesinnten.

Die Regierung des nationalkonservativen Ministerpräsidenten Viktor Orbán hat nämlich eine totale Umgestaltung dieser 1825 gegründeten Institution beschlossen - und bereits zugeschlagen: Seit Jänner bekommt die Akademie vom Staat nur noch Geld für die Gehälter der 5000 Angestellten. Mittel für Forschung und den Betrieb der 46 Institute - die Palette umfasst Agronomie, Philosophie, Ökonomie, Soziologie und alle Naturwissenschaften - gibt es keine mehr. Dafür sollen sich alle Institute jedes Jahr neu bewerben - beim neu geschaffenen Ministerium für Innovation und Technologie, das die Gelder verteilt.

Das Problem besteht einerseits darin, dass dabei nicht mehr die Wissenschaftler, sondern Politiker über die Opportunität von Forschung entscheiden. "Die Autonomie der Forschung wird gefährdet", sagt Nagy. Zudem konkurrieren die Akademie-Einrichtungen dabei mit anderen Instituten, die ohnehin schon über separate Finanzquellen verfügen - sei es aus der Staatskasse, sei es privat.

Damit, so die Kritiker, sei der Günstlingswirtschaft im Wissenschaftsbetrieb Tür und Tor geöffnet. Sie erwarten, dass Orbán-treue Institutionen so an Staatsgelder kommen, die bisher den seriösen Wissenschaftsbetrieben vorbehalten waren. Jüngste finanzdurstige Neuschöpfung ist hierbei das "Institut zur Erforschung des Ungarntums" unter dem Dach des Ministeriums für Humanressourcen (Emmi), das eine ultra-nationalistische Stoßrichtung erahnen lässt. Herzensangelegenheit des Emmi-Ministers Miklós Kasler ist es nämlich, die wissenschaftlich erwiesene Tatsache zu widerlegen, dass die Ungarn die gleiche Abstammung wie die Finnen haben und stattdessen die Ursprünge weiter fernöstlich zu suchen - eine Lieblingsthese mancher Rechtsradikaler. Institutsleiter wurde nicht etwa ein Historiker, sondern der Jurist und frühere Verwaltungsbeamte mit Gábor Horváth-Lugossy.

"Sie wollen die Eliten auswechseln", sagte der Politologe und Akademiedozent Zoltán Gábor Szücs kürzlich im Gespräch mit Auslandskorrespondenten und ist sich darin mit seinem Kollegen, dem Historiker Tamás Stark, einig. "Wahrscheinlich handelt die ungarische Regierung dabei auf russischen Befehl, denn auch in Russland wurde die Akademie dem Staat unterstellt", fügt Stark hinzu. Die Entlassung aller Akademieangestellten drohe aber wegen arbeitsrechtlicher Hürden nicht, denn viele - vor allem die Dienstälteren - hätten unbefristete Arbeitsverträge. Stark rechnet aber damit, dass bis zu 30 Prozent des Personals entlassen wird - vor allem die Jüngeren.

Sogar der regierungstreue Professorenverein Batthyány zeigte sich alarmiert, vor allem wegen der unsicher gewordenen Finanzierung. Er schlug dem Innovationsminister die Gründung einer Stiftung vor, die die Akademie-Gelder verteilen soll. Ob es dazu kommt, ist unklar. Am Dienstag wollte die Führung der Akademie unter László Lovasz entscheiden, ob sie das neue Bewerbungssystem akzeptiert - oder durch Nichteinreichung von Anträgen boykottiert. 90 Prozent der Angestellten sollen laut einer internen Abstimmung für den Boykott sein.

In den Grundfesten erschüttert

Kernphysiker wie Nagy sehen ihr Metier durch das neue Akademiekonzept in den Grundfesten erschüttert. "Forschung wie ich sie betreibe, braucht viele, viele Jahre Zeit und eine langfristig gesicherte Finanzierung. Und sie funktioniert heutzutage nicht mehr ohne internationale Zusammenarbeit." Minister Palkovics verstehe das offenbar nicht. "Erist ja auch nur Ingenieur". Nagy und seine Kollegen erforschen das Innerste der Materie. Sie jagen etwa Gammastrahlen durch verschiedene Stoffe, um herauszufinden, wie sich Atome, Moleküle und Mikroorganismen verhalten. Die Ergebnisse können dem Maschinenbau ebenso wie der Pharmazie nützlich sein. In Budapest haben sie dafür unter anderem einen Forschungsreaktor zur Verfügung, aber sie müssen immer wieder auch nach Hamburg oder Grenoble reisen, um dort Groß-Forschungsanlagen zu benutzen. "Noch haben wir das Geld für diese Reisen aus externen Quellen, aber wir wissen nicht, ob es so bleibt", sagt Nagys Kollege Miklos Tegze.