Den Europäern, so schrieb das britische Wirtschaftsmagazin "Economist" vor wenigen Monaten, dämmere langsam, dass "Künstliche Intelligenz (K.I.) genauso wichtig für die Zukunft sein könnte, wie andere grundlegende Technologien, etwa Elektrizität oder die Dampfmaschine." Einige europäische Länder arbeiten bereits K.I.-Strategiepapieren, Finnland, Frankreich, aber auch Deutschland, das die Anstrengungen in diesem Bereich mit rund drei Milliarden Euro dotiert. Die Europäische Union hat ebenfalls einen "Koordinierten Plan für Künstliche Intelligenz". Damit Europa aufholt, so ist in diesem Strategiepapier zu lesen, seien "ehrgeizige, aber realistische Ziele gesetzt worden: Unionsweit müssen öffentliche und private KI-Investitionen gesteigert werden, damit das Ziel von 20 Milliarden Euro pro Jahr über die nächsten zehn Jahre erreicht wird", heißt es in dem EU-Papier.

Europas fragmentierte Märkte

Und in Österreich gab es bereits Expertenmeetings, die Bundesministerien für Verkehr, Innovation und Technologie und für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort haben vor sechs Monaten das Papier "Artificial Intelligence Mission Austria 2030" vorgestellt. Darin heißt es, dass die Forschung in diesem Technologiebereich verstärkt werden soll und entsprechende Fachkräfte ausgebildet werden müssen. Ein rascher Ausbau des superschnellen Mobilfunknetzes 5G wird in dem Papier ebenso gefordert, wie der rasche Einsatz von K.I. im öffentlichen Sektor und der Wirtschaft. Gleichzeitig sollen ethische Fragen und die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt bedacht werden, die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz künstlicher Intelligenz müssten.

Gegen die ehrgeizigen Pläne, die überall in Europa aus dem Boden sprießen, spricht, dass Europa alles andere als offen für neue, disruptive Technologien ist. Vielen Managern fehlt es an Fantasie und Wagemut und den Investoren an Risikobereitschaft. Zudem: Europa ist ein fragmentierter Markt - es gibt in der EU derzeit noch 28 Mitgliedsstaaten (nach dem Brexit 27), die Bürgerinnen und Bürger der EU verwenden 24 unterschiedliche offizielle Sprachen.

Und weil die Märkte der USA und Chinas homogener sind, verfügen die IT-Konzerne in diesen Ländern über viel mehr Daten als ihre europäischen Konkurrenten.

Es gibt aber Bereiche, wo Europa die Nase vorn hat: Deutschland hat die höchste Zahl an Patenten, wenn es um autonomes Fahren geht. Oder: Kleinere, agilere Unternehmen haben zwar weder das Kapital noch die Marktmacht der großen koreanischen Chaebol-Mischkonzerne, der chinesischen Mega-Konzerne oder der US-Riesen-Corporations.

Und auch die in Europa immer wieder beklagte Regulierung muss nicht unbedingt ein Nachteil sein: Während in China und den USA Datenschutz und Technologiefolgen wenig Beachtung finden, sind Europas Regulatoren gut vorbereitet - und könnten somit Industriestandards setzen, wie das derzeit mit der EU-Datenschutzrichtline (GDPR) passiert.

Wenn also das Zusammenspiel in Europa funktioniert, dann kann die Europäische Union in Schlüsselindustrien nicht nur mithalten, sondern sogar den Takt vorgeben: In den 80er Jahren ging in Deutschland und Frankreich die Sorge um, bald von Japan überholt zu werden. Etwas musste geschehen. Und schon 1984 standen Frankreichs Präsident François Mitterrand und Deutschlands Kanzler Helmut Kohl Pate, als der EU-weite Mobilfunkstandard GSM aus der Taufe gehoben wurde. Jahrezehntelang dominierten europäische Konzerne wie Ericcson (Schweden) und Nokia (Finnland) den Markt - und werden heute bei 5G, der nächsten Telekommunikationsrevolution von Huawei (China) herausgefordert, während die USA abgeschlagen sind.

Aber kann die EU auch in anderen Tech-Bereichen an den Erfolg von GSM anknüpfen? Nur dann, wenn sich die Mitgliedsstaaten auf Zusammenarbeit verständigen und Ressourcen poolen - einmal mehr ist ein europäischer Geist gefordert.