Brüssel/Wien. Nach politischer Heimat, regionaler Ausgewogenheit und Geschlechterparität sollten die Topjobs beim EU-Gipfel besetzt werden. Anspruch und Wirklichkeit klafften auseinander, als sich die Staats- und Regierungschefs auf EU-Kommissionspräsident, Außenbeauftragten, Ratspräsident und die Spitze der Europäischen Zentralbank einigten. Wer profitiert, wer verliert?

Emmanuel Macron setzt sich dreifach durch

Die Personalsuche hätte kaum besser ausgehen können für Emmanuel Macron. Erstens verhinderte Frankreichs Präsident den aus seiner Sicht leichtgewichtigen, weil regierungsunerfahrenen Manfred Weber, Spitzenkandidat der konservativen EVP bei der EU-Wahl. In einem Aufwischen hebelte Macron damit das ungeliebte Spitzenkandidaten-Prinzip aus. Zweitens wird der liberale Premier Belgiens, Charles Michel, neuer Ratspräsident der Union - ein Fraktionskollege Macrons. Deren Allianz "Europa erneuern" ist zwar nur drittstärkste Kraft im EU-Parlament, konnte aber der EVP den Ratspräsidenten abspenstig machen. Und drittens wird Macrons Landsfrau Christine Lagarde, derzeit Chefin des Internationalen Währungsfonds, neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank.

Gegen Macrons Erfolge verblasst Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel. Der Gipfel drohte für sie zum Debakel zu werden, als sie Manfred Weber und Frans Timmermans nicht als Kommissionschef durchbrachte. Doch nun kann Merkel sagen, dass der wichtigste EU-Posten nach 52 Jahren wieder von Deutschland gestellt wird. Was zeigt: Ohne die deutsch-französische Achse geht weiterhin nichts in der EU.

Eine Personalauswahl des "Alten Europa"

Eine Deutsche als Chefin der Kommission, ein Belgier als Ratspräsident und eine Französin an der Spitze der Europäischen Zentralbank: Es sind Vertreter aus drei Ländern, die bereits Gründungsmitglieder der Ur-Union waren, der 1951 aus der Taufe gehobenen Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Dazu kommt der spanische Außenbeauftragte Josep Borrell. Der iberische Staat stieß in der dritten Erweiterungsrunde 1986 zur damaligen Europäischen Gemeinschaft. Zu dieser Zeit umfasst die EG zwölf Mitglieder, heute ist es eine Union der 28. Der seit 2004 dazugekommene Osten der Union, von den baltischen Staaten im Norden über Polen, Tschechien, die Slowakei und Ungarn in Mitteleuropa bis hin zu Kroatien, Bulgarien und Rumänien im Süden bleibt im ausgehandelten Personaltableau unberücksichtigt.

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Die Mittelosteuropäer gehen leer aus

Donald Tusk konnte gerade einmal eine Hoffnung zum Ausdruck bringen: Es sei zu erwarten, dass die neue EU-Kommissionspräsidentin bei der Auswahl ihrer Stellvertreter in der Brüsseler Behörde für eine "geografische Balance" sorge. Denn was der Pole Tusk bei seiner Kür zum EU-Ratspräsidenten vor wenigen Jahren repräsentierte, fehlt jetzt völlig: dass Ost- und Mittelosteuropa vertreten ist.