Wenn sich Rastislav Prochazka an die Zeit vor 1989 erinnert, dann fällt ihm zuallererst der Schneeberg ein. Wie der Schnee in der Sonne glitzerte, selbst an warmen Tagen. Ein richtiges Postkartenmotiv, ein Sehnsuchtsort. Aber der Berg, den er als Kind an klaren Tagen von seiner Wohnung im fünften Stock des Plattenbau Petrzalka, der von den Kommunisten hochgezogenen Satellitenstadt im Westen Bratislavas, sehen konnte, lag jenseits der Grenze. Jenseits des Stacheldrahts, der durch das Feld vor der Siedlung verlief. Dem Eisernen Vorhang.

Es ist ein schwüler Sommerabend im Juli dieses Jahres, als Prochazka bei einem Bier im Stadtzentrum von Bratislava sitzt und sich daran erinnert. Hier, auf einem der bunten Klappsessel vor der hübschen, alten Markthalle, selbst ein Ort des Wandels, von wo die Kommunisten jahrzehntelang ihre Fernsehnachrichten sendeten und inzwischen ein Kulturzentrum untergebracht ist, wo die Bobos von Bratislava heute ihren Drink nach Feierabend nehmen. Seit 18 Jahren pendelt der heute 43-jährige Slowake jeden Tag als IT-Experte für eine internationale Umweltorganisation nach Wien - und erlebte Schritt für Schritt, wie die Grenzen fielen. Wende, EU-Beitritt, Schengen, Euro: Die Staatsgrenze, die früher zwei Welten trennten, überquert er heute jeden Tag. Eineinhalb Stunden braucht er von seiner Wohnung in Bratislava bis zu seinem Büro in Wien, Nähe Matzleinsdorfer Platz.

Enge historische Verbindung

Eng sind die historischen Bande zwischen den Zwillingsstädten Bratislava und Wien, legendär die Geschichten über die Straßenbahn, die Pressburger Lokalbahn oder "Elektrische", die die beiden Städte in der Donaumonarchie verband. Nur 55 Kilometer Luftlinie liegen zwischen den beiden europäischen Hauptstädten, so wenig wie sonst nirgends in Europa. Es war der Eiserne Vorhang, der die beiden Städte über Jahrzehnte hinweg trennte. Doch nach 1989 kannte die Slowakei wiederum nur eine Richtung: nach Westen. 2004 trat die Slowakei der EU bei, 2007 folgte der Beitritt zum Schengen-Raum. Seit dem Jahr 2009 wird in der Slowakei mit dem Euro bezahlt, im Mai 2011 wurde auch der österreichische Arbeitsmarkt für acht neue EU-Mitgliedsländer geöffnet.

Wer heute an offizieller Stelle nach den österreichisch-slowakischen Beziehungen fragt, rennt in Bratislava erst einmal offene Türen ein. Lucia Stasselova,, eine elegante Frau Anfang 60, sitzt im dritten Stock des prächtigen Primatialpalastes, wo heute die Stadtverwaltung der slowakischen Hauptstadt untergebracht ist. Ein Ort Zeitgeschichte: Hier wurde 1805 der sogenannte "Pressburger Frieden" zwischen den Habsburgern und Napoleon geschlossen, bei dem Österreich Tirol und Dalmatien abtreten musste. Doch heute weht ein frischer Wind durch die klassizistischen Räume: Vor einem Jahr wurde der junge Architekt Matus Vallo zum neuen Bürgermeister gewählt. Nach der Wahl hat er ein Team aus Aktivisten und Vertretern der Zivilgesellschaft um sich geschart, wie Stasselova, selbst Architektin und heute Vize-Bürgermeisterin der Stadt. "Wien ist Teil meines Lebens", sagt sie wie selbstverständlich. Stasselova spricht Deutsch, weil ihre Familie Wurzeln in Wien hat und sie selbst, wie viele Slowaken im Kommunismus, Deutsch lernte, um die ORF-Berichterstattung zu verfolgen - das einzige westliche Medium, das man damals in Bratislava empfangen konnte.