Die Jahre im Krieg haben tiefe Spuren hinterlassen. Manchmal sind sie augenfällig wie die Abdrücke der Panzerketten, die sich auf der alten Schnellstraße nach Donezk für immer in den Asphalt gepresst haben. Andere bleiben zunächst verborgen, wie die Enttäuschung, den Ljudmila Stepanowna Pawljuk fühlt. Die Ortsvorsteherin von Krasnohoriwka sitzt in einem kleinen, spärlich eingerichteten Büro an der Gagarin-Straße. An der Wand hängen zwei blau-gelbe Flaggen der Ukraine. Die 65-Jährige mit schwarzem, toupiertem Haar und Falten um die müden Augen begegnet Besuchern freundlich, sie sagt dabei aber auch: "Wir kämpfen ums Überleben. Keiner weiß, wie es weitergeht." Wie viele hier im Osten der Ukraine fühlt sie sich allein gelassen mit ihren Alltagssorgen. Ihren Gemütszustand beschreibt Pawljuk wie folgt: "Wir lächeln nicht mehr."

Es herrscht noch immer Krieg in der Ostukraine, inzwischen ist er ins sechste Jahr gegangen. Längst haben kleinere Scharmützel die großen Gefechte abgelöst. Die ukrainische Armee kämpft gegen von Russland unterstützte Separatisten, die April 2014 in der Region Donezk sowie im benachbarten Luhansk sogenannte Volksrepubliken ausriefen. Heute trennt die Landesteile eine "Kontaktlinie" von 450 Kilometern, stellenweise umkämpfte Front, immer eine Grenze.

Truppenabzug lässt hoffen

Auf der Seite unter ukrainischer Kontrolle leben die Menschen in einem Niemandsland, abgehängt und abgeschnitten vom Rest der Ukraine. Die Bewohner haben sich in der neuen Realität eingerichtet - und sehnen sich dennoch nach nichts mehr als einem Ende des Konfliktes. Wolodymyr Selenskyj, der neue Präsident, hat seinem Land Frieden versprochen und dringt auf neue Gespräche im sogenannten Normandie-Format, bei dem sich die Ukraine, Russland, Deutschland und Frankreich um eine Lösung bemühen. Erst vor wenigen Tagen haben Kanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin am Telefon die Möglichkeit eines Vierer-Treffens ausgelotet.

Schon bald könnte es einen neuen Anlauf zur Beilegung des Konfliktes geben. In dieser Woche rückten Regierungstruppen und Rebellen an der Frontlinie in der Region Luhansk ab. Bereits im Juni hatte es einen solchen Truppenabzug gegeben. Anfang September tauschten die Ukraine und Russland Gefangene aus. So wächst die Hoffnung auf neue Bewegung im festgefahrenen Konflikt.

Ljudmila Pawjuk, die Bürgermeisterin des Dorfes Krasnohoriwka im Frontgebiet. - © Oliver Bilger
Ljudmila Pawjuk, die Bürgermeisterin des Dorfes Krasnohoriwka im Frontgebiet. - © Oliver Bilger

Krasnohoriwka ist ein Dorf in der "grauen Zone", knapp fünf Kilometer entfernt von der Kontaktlinie. In der Ferne ragen Schornsteine und Schutt in den Himmel. Knapp 20 Kilometer Luftlinie sind es bis in die Vororte der Industriemetropole Donezk. Krasnohoriwka ist ein Örtchen mit geduckten Häusern hinter hohen Zäunen und zweigeschoßigen Backsteinbauten. In Gärten liegen geerntete Kürbisse. Es gibt schlechte Straßen und ein Weltkriegsdenkmal in der Dorfmitte, wie es in den meisten Orten üblich ist. Aber es gibt auch verlassene Häuser, ein Kulturzentrum, das zum Teil in Trümmern liegt, Einschusslöcher an Fassaden und Zäune, die Projektile und Granatsplitter durchbohrt haben. Es sind Spuren eines Krieges, der im Westen leicht in Vergessenheit gerät.