In Österreich ist es Ischgl, in Italien Bergamo, und in Deutschland heißt der Corona-Brennpunkt Heinsberg. Im westlichsten Landkreis der Bundesrepublik, an der Grenze zu den Niederlanden, waren nicht Après-Ski-Parties oder ein Fußballspiel Hauptauslöser. Dem Anschein nach handelte es sich um eine Karnevalssitzung. Ende Februar wurde die erste positiv getestete Person gemeldet, seitdem stieg die Zahl in dem zehn Gemeinden umfassenden Kreis auf 1527 bestätigte Fälle an. 969 Personen gelten als geheilt, 48 Menschen sind verstorben.

Wie überall an Europas Krisenorten zeigte sich auch in Heinsberg die Überraschung und Überforderung mit der neuen Situation deutlich. Der Landrat des Kreises, Stephan Pusch, warnte bereits frühzeitig vor der Gefahr des Virus. Bloß sah er sich nicht genug von Land und Bund gehört - dabei steht in Nordrhein-Westfalen mit Ministerpräsident Armin Laschet und mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jeweils ein Parteikollege an der Spitze. Die ebenfalls CDU-geführte Bundeswehr lehnte gar ein Hilfegesuch ab. In seiner Verzweiflung schrieb Pusch einen offenen Brief an Chinas Präsidenten Xi Jinping und Ministerpräsident Li Keqiang. Die Volksrepublik sagte Hilfe zu und auch die Versorgung aus der Heimat besserte sich.

Weit weg von Herdenimmunität

Heinsberg ist aber nicht nur ein Musterfall, wie Krisenmanagement nicht geht. Aus den Fehlern der Vergangenheit soll gelernt werden, eine groß angelegte Pilotstudie zur Verbreitung des Coronavirus wurde gestartet. Forscher nehmen derzeit den Heinsberger Hauptinfektionsherd, die Gemeinde Gangelt, unter die Lupe. Dort sind 15 Prozent der Untersuchten positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. Sie seien nun zwischen sechs und 18 Monaten immun gegen das Virus, erklärte Hendrik Streeck von der Universität Bonn. Von der sogenannten Herdenimmunität von rund 60 Prozent der Bürger, ab der das Virus auch ohne Impfstoff als beherrschbar gilt, ist aber auch Gangelt weit entfernt.

Stillstand herrscht in Gangelt an der deutsch-niederländischen Grenze. - © afp/Fassbender
Stillstand herrscht in Gangelt an der deutsch-niederländischen Grenze. - © afp/Fassbender

Basis für die Ergebnisse sind Tests bei einem knappen Zehntel der Bürger im 11.000-Einwohner-Ort. Am Donnerstag präsentierten die Forscher einen Zwischenstand, der auf rund 500 Stichproben basiert und somit repräsentativ ist. Auf die gesamte Bundesrepublik ließen sich die Ergebnisse jedoch nicht hochrechnen, betonte der Immunologe Gunther Hartmann, der an der Studie zu Gangelt beteiligt ist. Diese gelte nur für Gebiete, in denen es ebenfalls eine starke Infektionsdynamik gebe.

Eine bundesweite Antikörperstudie plant nun das Robert-Koch-Institut (RKI). Dafür möchte die deutsche Bundesbehörde für Infektionskrankheiten 15.000 Personen untersuchen. Die Antikörper sind ein bis zwei Wochen nach der Infektion nachweisbar, und die Labortests erst seit kurzem verfügbar. Mit ersten Ergebnissen rechnet das RKI daher erst im Mai.

Analog zur Lage in Österreich hat sich die Kurve der als neuinfiziert Getesteten in Deutschland abgeflacht und liegt seit dieser Woche nur noch um fünf Prozent. Am Donnerstag wurden insgesamt 108.000 Fälle gezählt. Drei Bundesländer - Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen - verzeichnen mehr als 20.000 Infizierte. Am Ende der Skala liegt Mecklenburg-Vorpommern mit 572 Personen. Das bevölkerungsarme Bundesland zählt auch die wenigsten Sars-CoV-2-Fälle im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Im Vergleich mit den anderen großen EU-Ländern Frankreich, Italien und Spanien ist Deutschland bisher glimpflich durch die Krise gekommen.

Laschet drängt, Merkel bremst

Frühzeitig hat daher die Debatte eingesetzt, wann und in welchem Umfang das öffentliche Leben wieder hochgefahren werden kann. Die Resultate aus den Untersuchungen sollen der Politik als weitere Entscheidungshilfe dienen. Das mit Gangelt befasste Forscherteam stellte in Aussicht, die Maßnahmen könnten zurückgefahren werden, falls die Bürger die Hygienevorschriften weiter einhalten. Das sind Neuigkeiten nach dem Geschmack Laschets. Er stieß frühzeitig eine entsprechende Debatte an, wurde aber von Bundeskanzlerin Angela Merkel gebremst. "Wir brauchen einen Fahrplan in eine wachsame, verantwortungsvolle Normalität", fordert Laschet.

Merkel dagegen stellte nur eine kleine Lockerung nach Ostern in Aussicht. Da Infektionsschutz in Deutschland Sache der Bundesländer ist, muss sich die Kanzlerin mit diesen abstimmen, will sie eine einheitliche Linie. Laschet kämpft um den CDU-Vorsitz gegen Friedrich Merz, der selbst an Covid-19 erkrankt ist und mangels politischer Funktionen in der öffentlichen Diskussion derzeit keine Rolle spielt. Der Landeschef hingegen kann sich täglich als Krisenmanager profilieren. Er berief einen zwölfköpfigen "Expertenrat Corona" aus Medizinern, Juristen, Ökonomen, Philosophen, Soziologen und Sozialarbeiten ein, die mit Nordrhein-Westfalens konservativ-liberaler Regierung Strategien für die Zeit nach der Krise erarbeiten sollen.

Wie weit weg auch Deutschland von Prä-Corona-Zuständen ist, zeigte die Ankündigung von Gesundheitsminister Jens Spahn, der Laschet um den CDU-Vorsitz unterstützt. Kein Händeschütteln und eineinhalb Meter Distanz zu anderen Personen, das "wird definitiv etwas sein, was uns im Alltag noch über viele, viele Monate begleitet".